Porno für den Regenwald
(2009)

Sind sie cool oder nur verpeilt?

"Fuck for Forest": Nackte Körper, auf Fotos, in Videos, beim Sex - Pornografie, und das für die Umwelt. Von den Erlösen aus der Website www.fuckforforest.com wird Regenwald freigekauft. $15 kostet der Zugang monatlich. Alles sehr ungeschminkt, unprofessionell - teilweise höchst erotisch. Leona und Tommy heißen die Gründer, und Leona ist eine Schönheit. Die Bilder mit ihr haben mir sehr gefallen.

Leona, Tommy und wer sonst noch gerade dabei ist, wohnen angeblich in einer WG in Berlin-Friedrichshain. Die beiden Gründer kommen aus Schweden. Im Sommer ist Fuck for Forest auf Festivals unterwegs, ziehen die Aufmerksamkeit durch öffentlichen Sex an sich, verteilen Flyer - immer auf der Suche nach Mitmacher/innen. Wenn's passt, werden dann Nacktfotos gemacht - möglicherweise auch mehr.

Auf der Website steht eine E-Mailadresse und eine deutsche Handynummer. Ich bin neugierig. Ich will wissen, wer dahintersteckt, ob es Fuck for Forest überhaupt gibt. Könnte ja auch nur eine Masche sein. Ein paar Mal maile ich, wenn ich in Berlin bin, verstecke mich hinter beruflichem Interesse - ich bin ja Dokumentarfilmer und will irgendwann mal einen Film über die Spielarten der Liebe drehen blablabla.

Die Mails werden nur ganz knapp und immer erst Wochen später beantwortet, wenn ich längst nicht mehr da bin, also rufe ich die Nummer an - es ist immer nur die Mailbox dran und meistens traue ich mich sowieso nicht.

Dann komme ich nach Berlin, eines Abends, und während ich noch im Zug sitze, teilen mir meine Gastgeber telefonisch mit, dass sie spontan was anderes vorhaben. Ich telefoniere herum, die anderen Freunde haben alle keine Lust; es ist eine bitterkalte Novembernacht. Ich habe auch zu nichts Lust, der Gedanke, in einer lauten Kneipe zu sitzen, ist fürchterlich. Irgendwo entspannt privat in Polstermöbeln rumhängen mit interessanten Leuten, das wär's jetzt. Ich bilde mir natürlich ein, dass die FFF-Leute, wenn es sie denn wirklich gibt, immer ganz wahnsinnig abgefahrene Sachen machen, auf Partys, im KitKat-Club oder so. Aber wenn das so ein Abend ist, an dem alle Angerufenen lieber zu Hause hocken, dann geht es den FFF vielleicht genauso. Ich rufe also da mal an. Wieder nur die Mailbox. Aber dann - ein Rückruf von Fuck for Forest. Eine junge Frau ist dran, ich rede wieder ewig herum, sage was von "tolles Projekt" und "ich mache auch Filme" (ich hasse mich dafür, dass ich das sage) und dann sagt sie, dass wenn man sich mit ihnen trifft, man grundsätzlich schon offen dafür sein sollte, Fotos zu machen. "Ah so", sage ich.
Die Frau meint, FFF hätten heute eigentlich keine Zeit, aber sie guckt mal und ruft in 20 min wieder an.

Nach 30 min melde ich mich dann, "das wird wohl nichts mehr heute, oder?".
Inzwischen: Ich habe Lust bekommen, das durchzuziehen. Wer weiß, wo es hinführt. Oh, Gott, was sagt meine Freundin dazu? Meine Freunde? Kann ich das überhaupt jemandem erzählen? Egal. Ich bin Journalist. Ich muss da durch. Ich bin schließlich immer daran interessiert, neue Sachen ausfindig zu machen, die mensch so tun kann. Und was immer bei einem Treffen mit FFF herauskommt, interessanter als ein Abend in einer lauten Kneipe wird es sowieso.

"Das wird wohl nichts mehr heute, oder?" "Ach so, na ja, Leona und Tommy haben keine Zeit, ich eigentlich auch nicht, wir könnten uns höchstens auf ein Bier treffen und dann mal sehen. Hast du dir das denn überlegt mit Fotos machen?" Ich sage ja, aber dann frage ich nochmal geradeheraus, wie das denn sei, man müsste doch schon erst schauen, ob man sich gegenseitig gefällt…? Da stellt sie dann klar, dass es erstmal darum ginge, Nacktfotos von mir alleine zu machen. "Will das denn jemand sehen?", frage ich, was sie etwas verständnislos beantwortet - "Klar, wieso nicht?"

Wir reden ein bisschen am Telefon, ich versuche, irgendwie anzudocken - denn die Frau ist zwar nicht unfreundlich, aber doch ein bisschen abweisend - schwer zu beschreiben. Ich erzähle, dass ich das schon aufregend finde, "allein, euch mal kennenzulernen", ich sage, dass ich mit keinen meiner Freunde/Freundinnen Nackt- oder Sexfotos machen oder auch nur darüber reden könnte. "Dann hast du aber uncoole Freunde". Moment mal. Ich verteidige meine Freunde, aber das bringt irgendwie nix am Telefon. Also verabreden wir uns für halb elf im Stadtteil Friedrichshain.

Sehr starkes Herzklopfen während der Fahrt.
Dann melde ich mich, dass ich da bin, und warte am verabredeten Standort. Nach einer Weile kommen zwei weibliche Wesen auf mich zu. Knapp bekleidet, eine trägt trotz Schnee und Eis untenrum eigentlich nur eine Unterhose und Kniestrümpfe. Nicht, dass das nicht toll aussieht. Das sind sie also, die Frau, mit der ich telefoniert habe, und Leona, die ich auf der Website schon mit Gemüse im Hintern gesehen habe.
Wir begrüßen uns knapp, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wir gehen in eine sehr seltsame Kneipe, in der die Leute nur schweigend herumsitzen oder kiffen oder beides. Die nächste halbe Stunde versuche ich immer wieder, wie schon am Telefon, irgendwie eine verbale Kommunikation hinzukriegen. Gelingt aber nicht. Meine Fragen werden zwar beantwortet und manchmal reden die beiden auch von sich aus, aber ein grundsätzliches Desinteresse an mir ist immer zu spüren. Und was ich sage, hört sich auch dementsprechend dämlich an. Bald sage ich fast nichts mehr. Wir sind offensichtlich nicht hier, um uns kennenzulernen. Es geht auch nicht darum, Spaß zu haben. Wir werden Urwald retten. Indem wir Nacktfotos machen. Mit mir. Als "Arbeit" bezeichnen die FFF ihre Tätigkeit nicht. Aber es scheint auch nicht das zu sein, was sie am liebsten machen, Vielleicht hat sich eine gewisse Langeweile eingeschlichen? Wenn wir wenigstens über Naturschutz reden würden!

Immerhin - sie erzählen - glaubhaft -, dass die FFF-Einnahmen nach Abzug von Website- und Fahrtkosten für Festivals usw. komplett in den Urwaldschutz gehen. Offensichtlich gibt es ein Selbstverständnis als Umweltorganisation. Natty, das ist die Frau, mit der ich telefoniert habe, ist offiziell die Praktikantin. Ich kann ihren Busen sehen, als sie mir gegenübersitzt. Da ist nichts mehr dabei in der Welt, die ich gerade betreten habe.

Gut, machen wir Fotos. Ich trotte hinterher, als sie in ihre WG zurückgehen. Das Desinteresse an mir finde ich ein bisschen schade. Wäre doch lustiger, sich zusammen bewusst zu machen, dass wir gleich was Verrücktes machen, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Es ist eher routiniert. Aber für mich - ich komme mir so schuljungenmäßig vor - immer noch spannend genug, um mitzugehen.

Die Wohnung ist winzig und liegt völlig im Chaos versunken. Es ist auch irgendwie gemütlich. Tommy ist zu Hause, aber "not in people mood today" (Leona spricht nur englisch). Ich sehe ihn flüchtig im größeren der beiden Zimmer nackt auf einem Bett liegen. Wir betreten das kleinere Zimmer und die beiden Frauen beginnen, das Shooting vorzubereiten. Sie sammeln eine Lichterkette mit blauen Sternen zusammen, ein paar bunte Strahlerchen und zwei Schwarzlichtleuchten. Sie werden mich ein bisschen bemalen. Ich habe ja keine Ahnung, also lasse ich mir Kreuze um die Augen zeichnen, wie Leona es auch hat. Dann ziehe ich mein T-Shirt aus und während die "Praktikantin" damit kämpft, die Lichterkette mit Stecknadeln an der DDR-Tapete zu verankern (meine handwerklichen Ratschläge interessieren sie rein gar nicht), pinselt Leona mir mit einem feinen Pinsel Leuchtfarbe auf Lippen, Brust, Arme und Rücken. "Ist das extra Körperfarbe?" "Nö. Geht aber mit Wasser wieder ab". Dann ziehe ich mich ganz aus, stehe plötzlich nackt im Raum und es ist rein gar nichts dabei. Leona malt konzentriert ihre Striche auf Bauch, Penis, Beine. Meine kleine Umweltschutzgruppe bei der Arbeit. Schon lustig.

Dann hat Natty eine Kamera in der Hand und fängt an zu knipsen. Erst mal schauen, wie das aussieht. Ich lege mich hin, drapiere die blauen Sterne um mich und wir machen Bilder mit und ohne Deckenlicht, ich mache mir den Schwanz ein bisschen steif, es ist weder verrucht noch erotisch - erinnert mich eher an einen FKK-Strand mit Matratzen statt Sand. Ich lasse mich noch ein bisschen bepinseln an Stellen, an die ich selbst nicht rankomme, mich fasziniert, wie fucking normal sich diese ganze Aktion anfühlt und würde gern wissen, ob es da irgendeine Grenze gibt. Es ist aber nicht so, dass die beiden Aufnahmeleiterinnen mit Tipps geben oder gar Anstalten machen, sich dazuzulegen - und so ist am Ende der interessanteste Moment eigentlich der, in dem ich, wieder angezogen, Leona kurz umarme. So fühlt sich eine Umarmung am Campingplatz an, wenn man sich von netten Zeltnachbarn verabschiedet. Das hat nichts mit Sex oder gut kennen zu tun, aber es drückt Wohlwollen aus und Respekt vor einem freundlichen Mitmenschen. Ich wäre an diesem Abend auch weiter gegangen und hätte dann später mit leerem Kopf mit den Schultern gezuckt, wenn ich von meinen (gar nicht uncoolen!) Freunden gefragt worden wäre, ob Sex als Ausdruck größter Nähe denn gar nichts Besonderes für mich sei. Vielleicht hätte ich mich auch ein paar Tage lang ein bisschen leer gefühlt. Mein bürgerliches Leben hätte es aber wahrscheinlich nicht zerstört.

Als ich mich wieder anzog, überhörte ich ein Gespräch zwischen den Damen und Tommy, da ging es darum, dass irgendwas "nichts Besonderes" war, nur "rauf und runter, the usual", vielleicht fiel auch noch der Begriff "kind of boring". Darauf angesprochen, sagte Leona nur, dass sie über was anderes geredet hätten. Ich schrieb ihr meine Mailadresse auf, ich bekomme ein Passwort zugeschickt als Dankeschön.

Wenn aufgrund dieses Artikels ein paar Leute über FFF was für den Regenwald spenden, freut mich das. Wenn Seiten wie FFF dazu führen, dass kommerzielle, teilweise frauenverachtende Pornografie weniger wird, freut mich das auch. Der Lust an den Sexbildern ist es aber wahrscheinlich gar nicht so wichtig, wer da dahintersteckt. Ich habe Leona gefragt, ob sie wissen, auf was ihre immerhin fast 1000 zahlende Kunden am liebsten sehen. Sie sah mich lächelnd an. Da sei doch für jeden was dabei. Das klingt sympathisch, aber ich vermute, dass die meisten Kunden Männer sind, die auf Bilder von Frauen scharf sind, möglicherweise sogar konkret auf Bilder von ihr. Das scheint sie nicht zu stören. Das Interessanteste auf der Website sind die Tagebucheinträge von ihr und ihren Kolleg/innen. Weil die Geschichten, die sie erleben, so anders verlaufen als erwartet. Wer Sex nur als ein Spiel begreift, mit dem man die Umwelt ein bisschen retten kann, findet Situationen bizarr und lustig, die andere als Alptraum bezeichnen würden.

Ob das Geld auch wirklich in Costa Rica landet, kann ich auch nicht beweisen. Aber ich weiß jetzt (und staune), dass diese Leute wirklich existieren und ich finde es ungemein befreiend, mal einen Blick hinter den eigenen Horizont geworfen zu haben.