Ich habe ein Buch geschrieben, das "vögeln" heißt. Es ist ein Roman. Es handelt nicht direkt von Geschlechtsverkehr, es ist ein schönes Buch, ich habe eine ganze Weile gebraucht, um dieses Buch so zu schreiben, wie es jetzt daliegt - bei mir im Schreibtisch unten. Ich habe mir schon gewünscht, dieses Buch zu veröffentlichen. Dass ich einen Verlag finde mit einem Lektor oder einer Lektorin, der oder die mir schreibt und sagt: Herr Würfel - wir machen das. Das ist leider nicht passiert. Ich habe 143 Leseproben von meinem Roman verschickt. 69mal bekam ich einen fotokopierten Absagebrief, 26mal einen extra für mich ausgedruckten, 42mal kam überhaupt keine Antwort innerhalb eines halben Jahres und sechsmal wurde das ganze Typoskript angefordert. Davon bekam ich zweimal das Manuskript mit einem fotokopierten Absagebrief zurück, einmal dasselbe mit ausgedrucktem Brief, zweimal mit nettem, persönlichen Brief und einmal gar nicht. Die letzte Hoffnung verbietet mir, mich direkt bei diesem letzten Verlag zu melden, aber ich meine, aus den Augenwinkeln heraus eine Meldung in der Zeitung gelesen zu haben, die besagte, daß jener letzte meiner Verlage in den Konkurs gegangen ist. Die Argumentation der beiden netten Briefe lautete, dass das Buch zu persönlich sei und nicht eigentlich "literarisch". Bekannte von mir, die das Buch gelesen haben, verpackten eine ähnliche Aussage in den Satz, sie fänden es "mutig, so ein persönliches Buch zu schreiben". Dabei finde ich mein Buch gar nicht so persönlich. Mir ist zwar teilweise und so ungefähr passiert, was ich beschreibe, aber vom Stil her ist es eindeutig ein Roman, nicht persönlicher als beispielsweise diese Einleitung. Ich würde es gerne veröffentlichen und rechne schon allein aufgrund des wunderbaren Titels mit einem gewissen Erfolg, der mir für eine Weile ein Auskommen sichert. Und jetzt machen die Verlage Schwierigkeiten. Aber denen werden wir es -mit Ihrer Hilfe!- zeigen. Ich schreibe zu diesem Zweck ein weiteres Buch, nämlich dieses hier (Sie lesen gerade die Einleitung), mit vielen interessanten Inhalten, und sie müssen dieses zweite Buch dann lediglich erwerben. Der Erfolg des Buches wird mir eine gewisse Rückendeckung in weiteren Verhandlungen mit Verlagen geben (Bestsellerautor Michael Würfel...) und letztlich eine Veröffentlichung von "vögeln" zur Folge haben. Dort sind viele Weisheiten nachzulesen, die jeden Tag gebraucht werden und sehr zitierfähig sind. Ich werde mich persönlich darum bemühen, den Preis der "vögeln"-Ausgabe gering zu halten.
Wenn diese meine zweite Veröffentlichung -meines ersten Romans- eine gewisse Berühmtheit begründet hat, werde ich erwägen, auch meinen Essay "The Roll" und anschließend den wunderbaren Bildband "Gimme something to believe in" übersetzen und veröffentlichen zu lassen. Auch diese Werke stehen noch in Karton-Stehordnern in meinem Regal. Anschließend wird ein Band mit Kurzgeschichten folgen, der vermutlich "Splitternackt unter der Dusche" heißen wird. Ich werde zu dieser Zeit mit verschiedenen Filmprojekten beschäftigt sein, etwa dem Film "Horizont", dessen Struktur und Ästhetik schließlich einen neuen Gruppenstil begründen wird. Anschließend werde ich die Öffentlichkeit mit einem kleinen, fein beobachteten Gefühlsfilm überraschen ("Liebe in der Stadt"), bevor ich das mir daraufhin zur Verfügung gestellte Kapital in dem in den USA produzierten Spielfilm "Redwood Summer" souverän, und ohne meine Ideale damit aufzugeben, anlegen werde. Einer Zeit des Reisens wird die Gründung einer Kommune folgen, unerwartet überrasche ich mit dem spontan in einer durchwachten Woche fertiggestellten Frühwerk Ernie & Leo (lagert in Fragmenten in einer Kiste bei mir), das Diskussionen auslösen und die literarische Richtung in Deutschland nachhaltig verändern wird. Weiter habe ich bis jetzt nicht geplant, denn das spontane Erleben halte ich nach wie vor für eine der wichtigsten Tugenden. Interesse an der Umwelt, Moral im weiteren Sinne sowie Toleranz bis zu den das Gemeinwohl verletzenden Grenzen gehen damit einher.

Michael Würfel