Von unseren Korrespondenten

Die Spiele, die Passionen weckten
(erschienen im September 2000 in der tageszeitung)

Gutgelaunt scheinen die Einwohner von Oberammergau in diesem Sommer. Nicht nur scheint die Sonne im September auf die bewaldeten Berge und das Flüsschen Ammer, auf die gediegenen Bauernhäuser und die idyllischen Seitentäler. Auch haben sich die Oberammergauer in diesem Jahr eine Art neuer Energiequelle nutzbar gemacht. Denn täglich (außer Dienstag und Donnerstag) strömt ein gleichmäßiger Fluss von zahlungskräftigen Besuchern in die Gemeinde - Publikum der Passionsspiele, in denen ganztägig der Leidensweg Jesu Christi in seinen letzten Stunden dargestellt wird, wie es seit 1634 etwa alle zehn Jahre hier gemacht wird. Und weil die begehrten Karten nur im Paket mit mindestends einer Übernachtung verkauft werden, lohnt es sich für die Einheimischen, sich vorübergehend auf die vergängliche Flut einzurichten. Wer zum Beispiel eine leere Wohnung sein Eigen nennt, hat sie womöglich schon seit Jahren nicht mehr vermietet, um jetzt als Ferienwohnung richtig damit zu verdienen. Werkstätten werden ausgebaut, Familien ziehen gesammelt in den Keller, um die schönen Zimmer vom rührigen Fremdenverkehrsamt vermieten zu lassen. Nicht, dass man es hier nötig hätte - der Ort ist auch in festspiellosen Zeiten beliebt bei Touristen aus aller Welt - aber wenn ein Zimmer bis zu 200 Mark pro Nacht einbringt - und das über 100 Nächte lang - dann kann ein Sommer im Keller die Familienfinanzen auf Jahre hinaus sanieren. Vielleicht reicht es zu einem neuen Haus, das dann in zehn Jahren komplett, samt Keller, vermietet werden kann. Was lässt sich noch "anpassen"? Die Preise für Eis und Getränke, die Ladenöffnungszeiten. Die meisten Läden haben hier plötzlich bis 22:00 Uhr, ein Supermarkt auch Sonntags auf - Sondergenehmigung. Die Schulferien sind eine Woche früher zu Ende, die Herbstferien dafür länger, damit auch beim Spiel mitwirkende Eltern Gelegenheit dazu haben, mit den Kindern (die nächste Passionsspielgeneration!) in Urlaub zu fahren. Das alles muss dem Gemeindeleben nicht schaden, auch wenn so mancher Bergbauer jetzt in dunkler Nacht mäht, um tagsüber auf der Bühne zu stehen. Man macht das Beste aus dem Rummel, ohne sich zu übernehmen. Das brummende Geschäft beschert bezahlte Arbeit. Die Stimmung ist weiterhin freundlich, auch wenn so mancher den 8.Oktober herbeisehnen mag, nach dem mit einer Riesenfete der Alltag wieder im Ort begrüßt wird - momentan ist halt "Die Passion" der Alltag, und schließlich kennt man das alles, wenn man schon letztes Mal dabei war. Man macht das Beste draus. So hat der Sohn und Teilhaber des örtlichen Busunternehmers, der einen Teil der Shuttlebusse vom Ortskern zum Parkplatz bereitstellt, die Shuttlebusparties erfunden. Noch während die letzten Gäste zum Parkplatz gefahren werden wollen, steigt Jungvolk zu und beginnt mit der Feier, die sich mobil durch die ganze Nacht zieht. Geht das Bier aus, wird an einer Tankstelle oder einer Kneipe gehalten. Oder Johannes: Der stellt sich täglich mit einer Thermoskanne zu den Unerschrockenen, die sich in der Morgendämmerung für eine Tageskarte aus dem winzigen Kontingent anstellen - im Prinzip sind alle 4700 Plätze für jeden der restlichen Spieltage ausverkauft. Er verkauft Kaffee für 2 Mark den Becher, dann hat er für eine halbe Stunde Arbeit 30 Mark verdient und geht wieder nach Hause. Das Geschäft könnte man ausweiten, aber dann hätte Johannes auch mehr Arbeit und dreißig Mark reichen ihm eigentlich.
Johannes fängt in diesem Herbst neu an der Oberammergauer Holzbildhauerschule an und gehört damit zu der handvoll junger Leute, die das Gesicht des Ortes auch ausserhalb der Saison bunter machen. Alles Künstler ohne Geld, die freilich dieses Jahr nicht weiter auffallen: Vor zwei Jahren schon wurden die Oberammergauer dazu aufgerufen, sich das Haupthaar - Männer auch das Barthaar - wachsen zu lassen. Im Jahre Null gab es noch keine Friseure. Und ob der langen Haare scheint das ganze Dorf wie eine alte Hippiekommune, jeder Busfahrer und Postbeamter schaut aus wie ein friedlicher Kiffer.
Um 9:30 Uhr verkünden die Trompeten, dass das Spiel beginnt. Hochgelobt von Feuilletons, politisch korrekt und künstlerisch wertvoll -gar ein Wunder- sollen sie sein. Es gibt doppelte Besetzungen der Rollen, pro Spiel 1000 Mitwirkende. Alles Oberammergauer. Man muss sich bloss mal vorstellen, was das für das Selbstbewusstsein tut - ein stolzes Dorf. Filmaufnahmen sind verboten, an den Spieltagen herrscht Flugverbot über dem Ort. Auch am Boden herrscht Ruhe, freundliche PolizistInnen bewachen die Zufahrt und lassen kein Auto durch.
Gerüchteweise sinkt die Qualität des Spiels mit den Wochen, und eventuell unter den SpielerInnen wachsende Langeweile wird mit derben kleinen Scherzen vertrieben, die das Publikum nicht mitbekommt und höchstens irritiert. Wurde dem Christus wirklich einmal ein (handgeschnitzter) Holzschniedel aus dem Lendenschurz hängen gelassen, als er am Kreuz aufgerichtet wurde? Ich weiß es nicht, war nicht dabei. Die Besucher jedenfalls sitzen mit gemieteter Decke und gemietetem Fernglas im offenen Festspielhaus in der Mitte des Ortes und sind begeistert, bis sich um zwölf die Tore wieder öffnen und wüstes Getummel auf der Ortsstrasse, in den Restaurants und in den Souvenirläden einsetzt - glücklicherweise besteht der Oberammergauer Einzelhandel sowieso aus Schnitzkunstläden, da verteilt sich das. Jetzt und in den Abendstunden wird Umsatz eingefahren. Schnitzwerk sowie Porzellanpuppen, Kuckucksuhren, Trachtenjacke - dreistellige Dollarbeträge sind eher üblich und werden mit Kreditkarte beglichen, der Versand ins Heimatland gehört zum Service. Am Ende sind alle zufrieden. Alle? Da war noch der tiefgläubige junge Amerikaner, der mit dem Mountainbike kam - aber zu früh. Sein Arrangement zum Festspielbesuch galt erst einen Monat später, und weil er hauptsächlich dafür nach Europa gekommen war, versuchte er, die Türsteher zu einer Ausnahme zu bewegen und ihn doch jetzt schon reinzulassen. Vergeblich. Schicksalsergeben gab er seine Karten einem der Wächter, nahm ihm das Versprechen ab, die Karte zu verschenken und nicht zu verkaufen und fuhr ab gen Frankfurt Flughafen. Ob er enttäuscht sei, die Spiele nicht gesehen zu haben, wurde er gefragt. Nicht sehr, antwortete er. Er kenne ja das Buch.

Michael Würfel