Hohes Gericht! In keinem Moment behaupte ich, der attraktivste aller Menschen zu sein - weder im äußeren Erscheinungsbild noch im Charakter. Ich gestehe meine mannigfachen Fehler offen ein und muss vielen Beschuldigungen demütig nachgeben. Ich bitte aber um die Gelegenheit, meine Existenz und sogar mein Anrecht auf Mitgliedschaft in der menschlichen Gemeinschaft der Liebe zur verteidigen.

Durch meine eigene Beschränktheit -die ich aber, hier bereits das Grundthema meiner Verteidigung, mit Milliarden anderer Menschen teile!- durch diese Beschränktheit ist es mir nicht möglich, mein Anliegen in einem wohlklingenden Vers allein vorbringen zu können, ja allein, es selbst in wenigen Sätzen zu begreifen. Stattdessen habe ich nur Bruchstücke von Begründungen vorzubringen, weswegen ich nicht mehr als jeder andere Mensch gehasst und gequält werden darf.
Ich weiß um den Vorwurf, nicht "richtig" zu lieben, stets in mir selbst zu weilen anstatt das mir gegebene Leben bis zur letzten Bewegung der Blätter auszukosten. Ich weiß um mein Gespräch und mein Gebaren, das einige verletzt und viele überhaupt nicht erreicht, weiß um die Zerstreutheit eigener Pläne, die mich oft davon abhält, dem göttlichen Schicksal Untertan zu sein. Ich weiß um meine Ignoranz und um meine Kompromisse, um meine Unfähigkeit, Perfektion zu erreichen, meine Erschöpfung, die mich den Träumen zuträgt und der Eitelkeit, die mich die allgemeine Mode der Gesellschaft immer wieder in Zweifel ziehen läßt. Wie oft habe ich mich gesträubt, mitzudrehen im Getriebe, wie oft plötzlich meine Meinung geändert, auf die sich andere verlassen mussten. Wie oft habe ich nicht mitgespielt, wenn ich eingeladen war, habe meine Pflicht nicht erfüllt und mein Ziel nicht erreicht. Viele habe ich dazu gezwungen, mich zu hassen, wenigen, fast niemandem erlaubt, mich zu lieben. Ich habe gegen die Fortpflanzung agitiert und immer wieder alles in Frage gestellt, mich beschwert, andere zum Zweifeln gebracht und am allerschlimmsten, mich selbst nicht einfach glücklich sein lassen. Ich habe gegen die wichtigsten Gesetze verstoßen. Aber hohes Gericht: Ich habe in bestem Glauben gehandelt! Ich wollte nie jemanden beleidigen, ich habe stets versucht, zwischen den Möglichkeiten abzuwägen, ich wage sogar den Antrag, meine Blindheit anzuerkennen! Oft schien der wahre Weg verschleiert, oft traute ich meinem eigenen Gefühl mehr Wahrheit zu als allen anderen! In unserer Welt, im Leben, scheint alles nicht so klar wie jetzt, wie euch; aus allen Seiten strömt den Menschen die Versuchung entgegen; ich habe versucht, nach meiner Vernunft, nach dem Beispiel der nichtmenschlichen Lebewesen, nach dem unmittelbaren Gefühl zu handeln, und ich habe stets darauf geachtet, was die anderen tun -die längste Zeit meines Lebens fand ich, dass ich bedachter mit dem Leben vorgehe als sie, dass ich es "mir schwerer mache"- ohne nur zu ahnen, dass das genau das Falsche war. Natürlich muss ich meine Unzulänglichkeiten allein verantworten, aber viele habe ich schon im Leben erkannt und versucht, mich zu bessern. Freilich nicht hart genug. Wo ich es mir wirklich hätte schwer machen sollen, habe ich versagt. Aber kann ich ahnen, was von mir erwartet würde? Hätten nicht ebensogut die anderen irren können? Es leuchtet mir jetzt ein, dass Ihr, das hohe Gericht, dann schon viel früher eingegriffen hättet, aber hätte das Leben nicht auch für die anderen eine Probe sein können? Glaubte ich nicht, überall Hinweise auf die Richtigkeit dessen, was ich Idealismus nannte, zu finden? Ihr habt es uns so schwer gemacht. Im Leben war es immer so, das Verteidigungen an sich schon gegen den Kläger ausgelegt wurden, aber dies wird meine letzte Chance sein, um Gnade zu bitten. Ihr werdet natürlich daran sehen, dass ich noch immer nicht gebrochen bin und jetzt selbst euch, die Ihr alles im Leben lenkt, umzustimmen versuche, anstatt mir meine Fehler einzugestehen. Ich wage es nicht, euch dafür um Entschuldigung zu bitten. Ich werde zerdrückt werden, ich weiß es jetzt, ich werdet mir nicht nochmal eine Chance geben, und jetzt ist mir auch klar, dass ihr gar nicht anders könnt. Ihr urteilt nicht nach gut und böse. Gut und böse gibt es gar nicht; Ihr seid das, was ich im Leben "sachlich" genannt habe. Ihr urteilt nur nach Zweck, natürlich. Das habe ich mir nie zugestanden. Es wäre wahrscheinlich alles viel einfacher gewesen, wenn ich es getan hätte, aber das habe ich ja schon erwähnt. Ich dachte stets, dass ich mein Bestes versuche, selbst wenn ich Fehler erkannt habe. Natürlich habe ich mir nur alles so zurechtgelegt, dass es passt (jetzt weiß ich es besser), aber ich dachte beispielsweise, dass ich dadurch, dass ich wenigstens versuche, zu schreiben -ich bitte das hohe Gericht noch nicht einmal darum, mich als ernstzunehmenden Schriftsteller zu akzeptieren- aber dadurch, dass ich es versuchte, und dem Versuch immerhin eine große Menge Zeit und Energie widmete, mich einer Form der Kommunikation zu öffnen, die zwar nicht die unkomplizierteste war, aber doch in höchstem Maß ehrlich und gewissenhaft, da immer belegbar und offen für Reaktion. Ich habe mich nicht versteckt mit meinen vermeintlichen Erkenntnissen und ließ mich gerne überzeugen. Warum - und diese Frage muss erlaubt sein - wurde ich nie gemahnt, wenn ich doch so falsch lag?

Michael Würfel