Von unseren Korrespondenten

Das Land vor dem Regenbogen
(erschienen im August 1999 in der tageszeitung)

Ich war auf dem Rainbow und es ging mir gut. Jetzt bin ich wieder in Berlin und es geht mir nicht mehr so gut. War mir nie so deutlich wie jetzt, dass es an meinem Leben hier liegen muss. Niemand läuft nackt herum. Alles asphaltiert. Man grüßt sich nicht und man lädt sich nicht gegenseitig zum Tee ein. Man kommt gar nicht dazu, miteinander zu sprechen. Stattdessen hängt überall Werbung. Und in meiner Wohnung im dritten Stock weiß ich nie so genau, wie das Wetter unten ist, ich zieh mir eine kurze Hose an und unten stell ich dann fest, dass das zu wenig ist, weil da weht ein kalter Wind. Auf dem Rainbow wär das nicht passiert. Da habe ich unter einer blauen Plastikplane gewohnt, die fast ganz dicht war. In der Mitte stand ein Stock, der die Plane hochgehalten hat, der ist immer wieder umgefallen, bis ich ihn eines Tages festgebunden habe. An den Enden war die Plane mit Wäscheleine abgespannt. Heringe sind praktisch für so was, aber die Leute in den Zelten brauchen sie meistens selber. Oberhalb von unserer Plane (bei Regen haben wir zu dritt darin gewohnt) stand ein Busch. Ringsherum war Wiese. Ein paar Meter weiter verlief der Weg zu den Quellen, an denen die anderen zweitausend Leute ihr Trinkwasser geholt haben. Wenn sie zu uns gekuckt haben, haben wir gewunken. Auf dem Rainbow-Gathering, das dieses Jahr in Ungarn stattgefunden hat, machen alle, was sie wollen. Sie sind meistens sehr shanti zueinander (friedlich), helfen sich gegenseitig, kochen in der Waldküche für die zwei täglichen food-circles, unterhalten sich, versuchen, auf den Händen zu laufen. Sie graben shitholes im Wald, geben Workshops - oder machen Workshops mit. Da gab es Yoga, Reiki, Massage, Shin Tai, Tai Chi, Capoeira, Didgeridoo, Sternekucken und vieles andere. Es gab eine Badestelle (eiskalt), eine Chapati-kitchen (Weizentortillas), "Kreise" zu verschiedenen Themen, in denen jeweils die/der reden durfte, die/der den Redestab in der Hand hielt. Abends gab es Trommelklänge, viele Dutzend kleine Feuerstellen und ein paar große, um die getanzt und mit Feuerkeulen jongliert wurde. Eine riesige Lichtung, drumherum Wald und blühende Wiesen ertrugen geduldig die Familie und vermittelte zum Beispiel mir eine Ahnung, wie das Leben eigentlich sein könnte. Warum bin ich zurückgefahren? Das Treffen wäre noch eine Woche lang weitergegangen, von Vollmond zu Vollmond dauert es(eine Sonnenfinsternis war dieses Jahr auch dabei!). Na ja, Termine hat man, und einen Heißhunger auf Kekse vielleicht. Lust auf mein Bett und sogar auf meinen Schreibtisch verspürte ich, aber diese Lust hat nicht weh getan - nicht so wie es schmerzt, wieder in der Isolation zu versinken. Das habe ich nicht geahnt. Das hat nichts damit zu tun, Freunde zu haben oder nicht. Es macht mich traurig, nicht zu jeder Zeit mit jeder beliebigen Person in meiner Nähe ungezwungen zu reden anfangen zu können. Das hat die Gesellschaft irgendwie vergessen: Dass wir ja alle so was wie ein Stamm sind! Es gibt gar keine Gelegenheiten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Auf dem Rainbow trifft man sich beim Wasserholen, beim Essen, beim Kochen, beim Kacken. Hier kann man ins Café gehen und - Zeitung lesen. Die Hemmschwelle ist viel größer. Angst vielleicht, von irgendwer/irgendwem in Beschlag genommen zu werden oder noch Schlimmeres. Auf dem Rainbow habe ich mit vielen nur ganz kurz geredet, dann sind wir weitergezogen. Es gibt ja so viele nette Menschen; jedEn von ihnen kann ich um Wasser bitten und die meisten hätten mir auch von ihrer Suppe gegeben. Es gibt keinen Grund, mich einsam zu fühlen, wenn ich so viele Leute um mich habe, die zur selben Familie gehören. Es gab auch welche, denen ging der ganze Frieden auf die Nerven. Die fanden das aufgesetzt. Es gab einige, die über den stetigen Verfall der Rainbow-Kultur lamentierten. In einem Talking-circle erzählte jemand vom allerersten Rainbow-Gathering, damals, '74 in Strawberry Lakes, USA. 30 000 Leute! 18 Küchen, die rund um die Uhr im Einsatz waren! Ein 24-Stunden Talking-circle im Zentrum des Geschehens. Gab es irgendwelche Probleme, wurde das in diese Runde gegeben und wenn beispielsweise dringend jemand im Medizintipi gebraucht wurde, machten sich sofort ein paar Leute auf, dorthin zu spurten. Und jetzt? Kommen sie mit Konsumhaltung zum Rainbow. Haben irgendwo davon gehört und denken, das wäre ein Festival. Dabei sind Elektronik, Alkohol und Drogen Tabu. Ihre Hunde sollten die Leute auch unbedingt Zuhause lassen, aber die kümmern sich ja nicht. Manche fahren sogar mit dem Auto auf den Platz, der nur durch zwei Stunden Fußmarsch erreichbar sein dürfte. Dann gibt es Aggressionen und es ist vorbei mit shanti. Eine andere Frau, die ein Buch über die Musik auf den Rainbow-Gatherings schreiben will, kritisiert, dass Rainbow ein elitärer Haufen sei. Dass man sich nicht der Realität stellt, indem man die Daten und Wegbeschreibungen der Gatherings nur von Hand zu Hand weiterreicht. Es stimmt wohl auch, dass Rainbow nicht als dauerhafte Kommune funktionieren würde. Künstlicher Frieden. Auf dem Rainbow-Rundbrief steht, dass das Gathering eine Zeit der Heilung sein soll. Diese Definition gefällt mir noch am besten. Auf den Boden kommen. Luft holen. Wir machen uns keine Illusionen, wissen, dass wir in eine menschenunfreundliche Gesellschaft mehr oder weniger integriert sind. Aber wir geben "den Regenbogen" nicht auf; wir ahnen, wie es noch sein könnte und lächeln dann Zuhause erst mal jedEn an, den/die wir treffen. Einerseits möchte ich mit den grantigen Bewohnern meiner Straße nicht zum Campen gehen. Andererseits wäre es schön, wenn sie zurücklächeln würden. Werd' ein spiritueller Hippie! Willkommen Zuhause!


Michael Würfel