Wir waren an einer Filmhochschule - wir gehörten zu den Dramaturgiestudenten. Nachdem wir die Student/innen der anderen Fachbereiche kennengelernt hatten, konnten wir uns selbst besser einordnen.

Die wichtigsten Studenten waren die Regisseure. Sie hatten genau im Kopf, was für Kunst sie machen wollten und konnten zitatreif argumentieren, warum und wie. Sie hatten Visionen. Und sie lernten, sich durchzusetzen. Sie kamen und gingen, wie sie wollten, und zündeten sich Zigaretten an. Schon ihre ersten Übungsfilme hatten oft eine Schwere, die sie davor bewahrte, von unqualifizierter Kritik davongeblasen zu werden, aber sowieso gingen sie respektvoll miteinander um. Sie waren ja auch alle sehr verschieden. Sie lobten und ermutigten die Studenten der anderen Fachbereiche und deren Werke, aber mit ihnen zusammenzuarbeiten war manchmal schwierig, denn Kompromisse gingen sie nicht ein. Jedes ihrer Werke könnte später für Retrospektiven ausgegraben werden, und so gaben sie sich keine Blöße.
Die Kamerastudenten waren sehr viel pragmatischer. Sie produzierten einen Film nach dem anderen mit ungebrochener Lust am fabulieren und experimentieren. Sie schienen meist fröhlich und voller Energie, sie lachten und ihre praktischen Probleme bewältigten sie mit Elan. Auch sie rauchten. Sie waren vielbeschäftigt: Wenn sie nicht selbst mit der Kamera unterwegs waren oder im Atelier Kulissen bauten, dann halfen sie einander oder kamen auch mal spontan zum Abendessen vorbei. Sie ließen sich nicht von Schaffenskrisen aufhalten, sie waren für ihren Bereich verantwortlich und trugen diese Verantwortung, so gut sie eben konnten. Zu ihnen brauchten wir unsere Probleme nicht tragen, aber sie nahmen es uns auch nicht übel, wenn wir es taten.

Die Schauspielstudenten haben wir nur selten getroffen. Sie wurden von ihren Dozenten vom Film ferngehalten und für die Bühne trainiert. Sie probten in einem Haus, das zwischen Hauptgebäude und Bibliothek lag, und da hörten wir sie manchmal singen, um sich auf die Probe vorzubereiten. Wenn sie doch einmal in die Mensa kamen, dann hatten sie Degen bei sich, denn Fechtunterricht gehörte zu ihrer Ausbildung. Sie waren impulsiv und sprachen, manchmal unzusammenhängend, in verschiedenen Dialekten. Sie nahmen es uns übel, wenn wir sie übersahen. Einige von ihnen würden vielleicht mal Stars sein.
Die Produktionsstudenten waren meistens am Telefonieren. Sie betreuten oft mehrere Projekte gleichzeitig. Sie erstellten die Kalkulationen, kümmerten sich um Drehorte, Stab und Technik und erledigten den Organisationskram an und für sich eine unbeliebte Tätigkeit. Sie grüßten stets und hörten auch kurzen Geschichten aufmerksam zu. Wir konnten gut verstehen, dass sie gern auch am kreativen Prozeß beteiligt werden wollten.
Bei den Animationsstudent/innen wurde uns immer ganz warm ums Herz. Bei ihnen änderte sich wenig. Wenn wir sie nach einem halben Jahr wiedersahen, arbeiteten sie immer noch am selben Film. Verbrachten jeden Tag am Zeichentisch. Wenn sie zu den Vorlesungen in Filmgeschichte mit den anderen Studenten zusammentrafen, setzten sie sich nebeneinander und zeichneten ihre Umwelt. Einmal setzten wir uns absichtlich vor sie und durften uns später die entstandenen Portraits von uns kopieren. Sie waren entweder albern oder still, aber in jedem Fall zurückhaltend. Sympathisch.

Wir Dramatugiestudenten, Drehbuchschreiber eigentlich, wir waren etwas sonderbar, zumindest schien es uns so. Unberechenbar, manchmal versunken, dann wieder laut und forsch. Die Stimmungen schwankten, und wir waren genauso enttäuscht, wenn unsere Ideen nicht gut ankamen, wie wir genossen, fremde Ideen auseinanderzunehmen. Von uns hatte niemand ein Handy und nur einer eine Partnerin. Wir schützten uns durch Distanz und Ironie.

Und was sie alle gemeinsam hatten, war, dass sie meine Einordnungen ihrerselbst überhaupt nicht zu schätzen wussten.

 

Michael Würfel