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Mein letzter Urlaub Teil Eins: Weg Hier!


Ich musste hier weg, das wurde im Laufe des Freitags völlig klar.
Ich hatte gerade eine Baustelle hinter mich gebracht, sechs Wochen hatte ich nur gearbeitet, an einem der letzten Tage hatte jemand beiläufig zu mir gesagt: "Du verpasst ja den ganzen Frühling!". Das hatte weh getan. Und als ich am Freitag Morgen, nach der Inbetriebnahme des Bauwerkes, endlich wieder meinen Schreibtisch unter den Fingern hatte und jede Minute genoss, jeden Schluck aus der Teetasse, jedes Zukleben der frisch beantworteten Briefe, da fiel mir das ein: Jetzt erst mal weg. Wieder zu mir kommen. Nächste Schritte planen, sanft wieder in die Haut des Schriftstellers gleiten, entspannen. Sonne, fiel mir ein, einfach in der Sonne sitzen, den Rücken an eine warme, weiß gekalkte Wand lehnen, tief einatmen, irgendein würziger Duft sollte das sein, vom nahegelegenen Wäldchen oder von der feuchten Erde, meinetwegen auch vom Meer, wenn das auch schon nicht mehr ganz mein Element war. Nicht mehr hier in der Stadt darben, sondern irgendwo anders. Hier schien auch keine Sonne, am Freitag. Es war gerade Ende März, und von Frühling konnte im Prinzip noch keine Rede sein, aber irgendwas in mir war erwacht, derselbe Mechanismus wie der, der Krokusse zum blühen bringt oder Bären aus dem Winterschlaf weckt, ich konnte nichts dagegen tun, selbst wenn es wirklich nur dieser Spruch vom Frühling-verpassen war, ich musste in die Sonne, oder zumindest: Hier weg.


Ich räumte mein Arbeitszimmer auf, beantwortete Post. Ich telefonierte mit irgendwelchen Stellen, die nur vormittags Sprechzeiten haben, und für die ich seit Wochen keine Zeit gehabt hatte, ich kämmte mich durch ein Häufchen Papier, das sich angesammelt hatte. Ich dachte daran, nach Klagenfurt zu fahren. Das war mindestens tausend Kilometer, und ich hatte dort einen Freund. Der auch "schreibt", und mit dem es ziemlich gemütlich werden würde. Gemütlich. Mit dem Rücken an einer weißen Hauswand, das war es ja, was ich wollte. Auch wenn es Ende März fast noch zu früh war dafür. Von Klagenfurt aus könnte ich einen Abstecher nach Ljubljana tun, dort kannte ich ein Mädchen, die mir Briefe in einer faszinierenden Krakelschrift schrieb, und die, als ich sie kennen lernte, Jogginghosen getragen hatte. Das war gerade das richtige, Jogginghosen; gemütlich. Ich ging einkaufen und überlegte, ob ich wirklich einfach wegfahren könnte, es sprach tatsächlich nichts dagegen. Eine Woche lang, vielleicht auch zwei, stand mir nichts im Weg. Gegen drei Uhr telefonierte ich mit Klagenfurt. Es hatte keine Zeit für mich. Sonst immer, gerne sogar, aber gerade nächste Woche, irgendein Termin, außerdem ein Bewerbungsgespräch in Wien, ich hörte schon nicht mehr richtig zu, das brachte alles durcheinander. Ich müsste ja auch schon Samstag fahren, also morgen, um das Spezialangebot der Eisenbahn nutzen zu können. Ich verabschiedete mich knapp von meinem Freund. Jetzt saß ich ein bisschen blöd da. Ich wollte weg. Aber ich wollte keinen Stress, keine Action, ich wollte gemütlich. Die Frau in Ljubljana kannte ich nicht gut genug, um bei ihr zu wohnen, ich dachte auch, sie hätte keinen Platz. Ich müsste ja schreiben können, am besten auf einer Terrasse mit diesem Duft in der Luft, der anders sein sollte als der, den ich hier in der Stadt ertragen musste. Klagenfurt wäre okay gewesen, etwas über zweihundert Mark, hin und zurück, mit den Spezialangeboten, und das ist eine kleine Stadt, dachte ich, das wäre schon gemütlich.


Ich dachte daran, wie das auf der Landkarte aussah. Ljubljana ist in Slowenien, und es ist nicht allzu weit weg von Kroatien mit seiner Küste. In Pula war ich mal gewesen, ein paar Tage lang, ich hatte dort jemanden besucht, meine damalige Freundin, die dort als Freiwillige in einem Flüchtlingsheim mitarbeitete. Es war eine düstere Erinnerung. Mitten im Winter, eine graue, tieftraurige Stadt, die Wellen plätscherten völlig lustlos an einen Betonstrand, unter Protest, so hörte sich das an. Die Wirtin von der Bar, in der die Freiwilligen, darunter meine Freundin, abends herumhingen, ließ mich kostenlos in einer kleinen, leeren Wohnung übernachten für drei Nächte. Das war ein Flur, ein Bad und ein Zimmer, und von keinem der Räume aus konnte man den Himmel sehen. Das einzige Fenster in dem Raum, in dem eine Couch und ein komplett bis zum Fußboden heruntergelegenes Bett stand, sah auf eine Art Innenhof, grau und zugestellt mit Müll. Ich erinnere mich daran, wie wir duschten, zu zweit, es war Dezember, und das Wasser tröpfelte spärlich aus dem Elektroboiler. Danach sprangen wir in das Bett und wärmten uns gegenseitig, wir zogen uns die schwere Daunendecke über den Kopf und betrachteten uns, nackt wie wir waren, unter der Decke. Es war ein sehr, sehr großer Moment, ich erinnere mich nicht mehr genau, was wir als nächstes taten. Aber ich kann es mir denken.


Ich war per Anhalter nach Pula gekommen, von Triest aus. Eine Studentin hatte mich mitgenommen bis etwa die halbe Halbinsel hinunter. Dann stand ich an der Straße, und kaum ein Auto fuhr noch vorbei. Ich fing an zu laufen, es gab gerade eine schmale Straße nach Pula, die schlängelte sich zwischen Hügeln und Feldern entlang, ab und zu ging ein Weg zu einem Dorf davon ab. Die Häuser in den Dörfern waren aus Bruchstein, verwittert, mit einfachen Dächern und ganz kleinen Fensterchen. Ich sah sie mir nicht näher an, ich lief nach Pula und streckte den wenigen Autos meinen Finger entgegen. Das besondere war, die Erde auf den Feldern war rot. Und sie duftete... nach Jugoslawien. Ich war nämlich schon als Kind einmal dortgewesen, auf einem FKK-Campingplatz, in dem wir einen Bungalow bewohnten, ich erinnere mich praktisch nicht mehr daran, nur an den Bungalow, wie meine Mutter uns Kindern abends aus Jim Knopf und die Wilde Dreizehn vorlas, an die Quallen, vor denen ich eine Heidenangst hatte, und an einen Mann mit Elektromotorschlauchboot, den meine Mutter kennen gelernt hatte, und der mit uns eine Spazierfahrt machte, alle nackt. Aber dieser Duft... wie soll ich den beschreiben... Lehmig, rote-Erdig, felsig, quallig. Nackig. Elektromotorig. Jugoslawig.


Das wäre gar nicht schlecht, dieser Duft. Und dieser Bungalow. Das war eine Pauschal-Busreise gewesen damals. Diese Anlagen, die würden doch jetzt leer stehen, im März, das konnte doch nicht teuer sein, so was zu mieten. Ich stand auf und holte die gelben Seiten aus dem anderen Zimmer, das zweite Buch, I-Z für Reisebüro. Und da dann K für Kroatien. Ich blätterte hin und her, so ein Bungalow, Nebensaison-Sonderpreis mit Halbpension, verdammt noch mal, ich nehm' die Erika mit und einen Koffer mit Papier, und dann sitze ich da und lehne mich an eine Wand, die in einem jugoslawischen Ockergelb gestrichen ist und tippe, das wäre doch gerade richtig. Krk, eine Insel. Oder einfach nur eine Unterkunft, die ich hier buche, und dann fahre ich alleine dort hin, ich würde schon wieder ein tolles Bahnangebot ausfindig machen, oder ich würde einfach mal wieder per Anhalter fahren, lange nicht gemacht, das, für einen unbestimmten Urlaub eigentlich genau das richtige, dachte ich. Aber ich fand kein einziges Reisebüro, das Kroatien im Namen oder in der Anzeige hatte. Bloß Flugreisen, Bildungsreisen, Fahrradreisen.


In diesem Moment klingelte das Telefon. Eine Freundin war es, die eben erst in Deutschland gewesen war. Aus Mazedonien rief sie an, in Skopje wohnte sie. Ich fand sie sehr nett, auf jeden Fall. Wir hatten miteinander gebadet, das war schon ziemlich gemütlich gewesen. Ich erzählte ihr, dass ich gerade im Telefonbuch nach Kroatien suchte. Sie sagte, wenn ich nach Kroatien fuhr, könnte ich auch nach Mazedonien, sie besuchen. Sie würde sich freuen, ich sollte das mal erleben dort, es wäre so anders als das, was ich kannte, ich könnte sogar im Landhaus der Familie wohnen, sie und ihre Mutter lebten derzeit in der Stadtwohnung.
"Aber das ist doch so weit!"
"Na und?"
"Hm.", machte ich, und sagte, dass ich darüber nachdenken werde.


Ich hatte schon mal darüber nachgedacht, und mir eine Reiseverbindung ausdrucken lassen. Ich mußte ein bißchen im Schrank wühlen, aber ich fand sie: Dreiunddreißig Stunden im Zug. Budapest umsteigen. Morgens los und nächsten Abend dort, oder abends los und übernächsten Morgen dort.
Das war doch eine ziemliche Aktion. Würde mich doch durcheinanderbringen wie nochmal was. Ich hatte ja ein Buch, an dem ich weiterarbeiten wollte, es spielte in Berlin, ich bräuchte nur etwas frische Ruhe dafür. Andererseits, in der Landwohnung gab es angeblich einen Riesengarten. Und es war eine nette Frau, dort. Die sich auf mich freuen würde - auch nicht selbstverständlich. Und ob ich das zu schätzen wusste, auch wenn man es mir nicht anmerkte. Andererseits, dreiunddreißig Stunden sitzen... Jetzt im Frühling? Und ich wollte ja nur ein bißchen weg hier, es müsste ja nicht um die Welt sein für zwei Wochen, ein Häuschen im Grünen würde ausreichen, eine Pension in Polen, mit Wald drumherum.
Eigentlich war ich darauf vorbereitet gewesen, wegzuwollen aus der Stadt, wenn der Frühling käme. Ich hatte mir bereits im Februar überlegt, auf Bauernhöfen mitzuarbeiten, gegen Kost und Logis den halben Tag lang auf dem Acker verbringen. Aber nicht in Deutschland. Ich wollte lieber nicht gleich alle Probleme mitkriegen, mit denen Bauern sich heute herumschlagen müssen; mir schwebte vor, meine Arbeit zu tun und ansonsten zu schreiben und die Natur zu genießen, Biohöfe würden das sein und zwar in Dänemark, hatte ich mir überlegt. Die Dänen waren ein freundliches Volk, ich wusste das, weil ich schon mal in Kopenhagen gewesen war. Dänische Biohöfe. Ich hatte bereits die Liste mit den Adressen. Das Dumme war nur, es war März, und da war es in Dänemark vermutlich noch weniger frühlingshaft als hier. Außerdem wäre das ja auch eine Chance, nach Skopje zu fahren . Erstens würde meine Freundin dort bald nach Deutschland kommen zum studieren, dann könnte ich sie in Mazedonien nicht mehr besuchen, und zweitens würde die Bahn in wenigen Tagen ihre Preise erhöhen, das sagten sie mir am Telefon: Den März noch wär's ein Schnäppchen, zweihundertneunzig Mark, hin und zurück. Mit sämtlichen Ermäßigungen. Für bis fast nach Griechenland. Vielleicht sollte ich nach Griechenland. Dort war es sicherlich warm. Aber warum so weit weg? Warum nicht Mecklenburg? Warum kenne ich dort niemanden, der mich auf seiner Bank sitzen lässt, wenn die Sonne herauskommt, es ging ja eigentlich wirklich nur darum, dass ich draußen sitzen könnte, wenn es warm würde. Hier in der Stadt sitzen dann immer gleich zwanzig auf einer Bank im Park. Ich mochte das nicht, aber es machte auch keinen Spaß, herumzugrübeln, mein Mitbewohner kam nach Hause und schlug mir vor, Urlaub in der Stadt zu machen, in Cafés zu sitzen und ab und zu "rauszufahren".
"Aber das mach' ich doch eh' ständig!"
"In letzter Zeit doch nicht. Du hast doch auf der Baustelle gearbeitet."
"Hm".
Ich legte mich schlafen.


Als ich am Samstag Morgen aufwachte, hatte ich gleich wieder dieses Hin und Her im Kopf. Ganz Blöd. Normalerweise wache ich in der Früh auf, versuche, an mein Buch zu denken, und wenn's klappt, koche ich mir Schwarztee und setz mich an den Schreibtisch. Wenn nicht, dann muss ich mir etwas anderes einfallen lassen.
An diesem Samstag dachte ich gleich wieder an Mazedonien, bäh, zu weit, aber hm, wohin dann etc. Ich stand auf, und ohne Tee zu machen ging ich aus dem Haus, neun Uhr etwa, um mir eine Zeitung zu kaufen, in der Reiseanzeigen ständen. Damit in ein Café, dachte ich. In unserem Kasten lag immer nur die taz, und dort drin gab es nicht diese fett schwarz eingerahmten Busreisen; ich nahm die taz zwar mit, kaufte mir aber am Kiosk noch eine normale Zeitung. Kurz vor dem Kiosk drehte ich allerdings nochmal um, und ging fast ganz zurück zu unserer Wohnung, weil ich dachte, ach nee, ich schreibe jetzt lieber, und zwar genau über dieses wegwollen. Ich hatte den Anfang schon im Kopf, das genügte normalerweise. Kurz vor Zuhause kehrte ich wieder um, weil ich dann dachte, nee, du wolltest dir doch eine Zeitung kaufen, so leicht kommst du hier nicht raus aus diesem Dilemma, mal eben alles aufschreiben, schön wär's.


Dabei fällt mir ein, so war es gar nicht. Ich meine, da fehlt was. Ich habe ja noch ein Buch fertiggelesen davor, zwischen Aufwachen und Aus-dem-Haus gehen. Ein total schlechtes Buch, ich habe es an die Wand geschmissen als ich endlich damit durch war, und dann bin ich aufgestanden und habe erst mal einen kurzen Brief an den Autoren verfasst. Und als ich dann rausging, wollte ich nicht nur eine Zeitung kaufen, sondern auch zum Buchladen, um mir die Adresse vom Verlag des schlechten Buches geben zu lassen. Genau. Und nachdem ich endlich beim Kiosk angekommen war und eine Zeitung gekauft hatte, ging ich erst mal die Straße hinunter, wo ein Café ist, in dem ich vor einigen Tagen eine ganz tolle Frau gesehen hatte. Ich weiß schon, dass jetzt hier schon wieder von einer Frau die Rede ist, und ich will auch nicht verschweigen, dass mich eben das in dem Buch, das ich an die Wand gepfeffert habe, genervt hat. Das der Typ so peinliches Zeug über sich und die Frauen geschrieben hat. Aber ich sag jetzt mal, hier bei mir ist das was anderes. Ich erfinde ja auch nichts, ich will ja nur aufschreiben, was für komische Probleme ich manchmal habe, also ich finde das aufschreibenswert.


Vor einigen Tagen war ich also so gegen Mittag in das Café gegangen. Das war noch während der Bauarbeiten, wir waren essen gewesen, ein paar Kollegen und ich, und die laberten vielleicht einen Blödsinn an diesem Tag, das konnte ich gar nicht glauben. Das man Katzen mit dem Kopf in ihre eigene Scheiße tauchen muss, wenn sie in die Wohnung gekackt haben, oder das man sie als Lektion am besten auf das Dach des Nachbarhauses schleudert. So was bescheuertes! Das wollte ich mir überhaupt nicht anhören, und bin von ihnen fortgegangen, als unsere Mittagspause gerade erst zur Hälfte vorbei war. Ich hatte so was Ähnliches gerade erst geträumt, na ja ähnlich: Da waren Hühner gewesen, in einem Supermarkt. Die konnte man kaufen, zum essen, lebendige Hühner, die in so grünen Gemüsekisten aus Kunststoff gestapelt waren, ganz eng beieinander. Einige der Hühner waren aufgewacht und torkelten durch die Gänge des Supermarktes, sie hatten Hunger und Durst, das war ganz klar, aber sie fanden nichts und niemand gab ihnen was. Ich machte zwei Angestellte darauf aufmerksam. Die machten sich lustig über mich, waren sehr rüde. Ich sagte, ich werde mich beschweren. Aber als ich in der Tiefgarage war und in mein Auto steigen wollte, da kam ein Angestellter im weißen Kittel, ganz ruhig, und bereitete sich vor, meine Scheinwerfer kaputtzuschlagen. Ich hielt die Hand davor. Da griff er in die Taschen seines weißen Kittels, die ganze Zeit ganz stumm, eine dicke Brille auf der Nase, und holte eine Rasierklinge heraus, eine große, die hielt er mir direkt über den Handrücken. Er würde mir damit die Hand durchschneiden, wenn ich ihn nicht gewähren ließe. Ich glaube, er wollte die armen Hühner ganz einfach verdursten lassen. Oh Mann. Es ging noch eine Stufe weiter, ganz fies. Aber vielleicht sollte ich das für mich behalten, Träume, schlimm genug, wenn ich das erlebe. Jedenfalls, Typen, die Tiere quälen, sind auch zu Menschen böse, klarer Fall, oder?


Ich ging lieber in das Café gegenüber, es sah auch so aus, als ob dort Sonne auf die Stufen scheinen würde. Ich ging erst mal hinein, um mir einen Kaffee zu bestellen, und da traf ich einen Freund hinter der Theke, so was. Einen Bekannten, na gut, der dort arbeitete. Ich ließ mir einen Kaffee geben, und es gab noch eine Bedienung, und die war große Klasse. Wie sie mich anlächelte! Ich war dreckig und hatte ein Kopftuch an, damit die Haare nicht so staubig werden, sie sah mich voll nett an, sie hatte... ein schönes Gesicht... und etwas breitere Hüften... ich kann mir Gesichter schlecht merken; sie lächelte, wenigstens das weiß ich noch. Ich Blödmann ging natürlich trotzdem 'raus mit dem Kaffee, obwohl in diesem Moment die Sonne verschwand, ich wartete darauf, dass sie wiederkam, was nicht passierte, dann ging ich wieder hinein und setzte mich an die Theke. Ein Typ sprach mich an, keine Ahnung, was der damit zu tun hatte, ich redete auf einmal mit einem Typen, der auch an der Theke saß. Ich sah mir jedenfalls immer wieder die Frau an und irgendwann ging ich weg, so eine doofe Geschichte, fällt mir auf; dafür, dass das die erste Frau seit Wochen war, die mir spontan auffiel, hatte ich ziemlich wenig draus gemacht.


Immerhin ging ich Samstags wieder zu diesem Café, in Zivil, mit meinen Zeitungen und mit meinem Wegfahrwunsch. Da war ein Mann am Tische draußen aufstellen, es war ja ein ganz milder Tag. Er sagte, dass er noch nicht auf hat, aber draußen könnte ich mich schon hinsetzen, einen Tee konnte ich auch schon haben. Ich nahm Roebusch.
In der taz stand gar nichts. Entweder Fernreisen oder Ferienwohnungen. Zwar waren die Anzeigen nach Ländergruppen sortiert, aber das nützte mir auch nichts, wenn Kroatien nicht dabei war, und auch sonst keine interessanten und billigen Pauschal-Busreisen. Das fand ich dann in der anderen Zeitung. 2 ½ Tage Böhmerland inkl. böhm. Abend mit Musik und Freibier, 129.- DM. Ich weiß ja nicht. Wollte ich schon auch mal machen, so was, und es wäre auch kein Stress, weil dazu müsste ich wirklich nur am Freitag morgen am Fernsehturm stehen. Aber so was allein... da bräuchte ich mindestens noch jemanden fürs Doppelzimmer, damit ich nicht mit einer schnarchenden Bierleiche... nein, völlig undenkbar. Außerdem, Freitag! Das war ja gerade vorbei. Und ob ich im "Goldenen Hirsch" in Jablonec in der Sonne sitzen könnte... Kennt jemand den goldenen Hirsch? Ich wusste gar nicht, wo das war, Böhmerland. Holland zur Tulpenblüte gab es noch, Gardasee, Masuren. Wusste ich auch nicht, wo die waren. Und sowieso, alle Reisen starteten Freitag. Wenn ich jemanden hätte, der mitkommt, dann täte ich das schon ausprobieren.
Sonst gab es nur Flugreisen und Ferienwohnungen. Gar nichts für so jemanden wie mich, hatte ich das Gefühl, und es machte mich etwas traurig. Die schleusten ihre Touristen wirklich in ein paar große Urlaubskanäle 'rein, Lloret, Mallorca, Italien, und die Leute schienen das mitzumachen. Mallorca-Shuttle. Spar&Weg. Mich widerte das plötzlich an, dieses ganze Verreisen. Warum war ich bloß auf diese Idee gekommen? Ich war doch gern Zuhause, jetzt hatte ich wieder Zeit und könnte wieder schreiben. Oder Urlaub in der Stadt machen. Vielleicht war alles, was ich brauchte, meine Gedanken auf die Reise zu schicken, und nach ein paar Stunden würde es gut sein. Ich stand auf und zahlte, leider war die nette Bedienung heute nicht gekommen.


Na gut. Samstag, Sonntag, Urlaub in der Stadt. Funktionierte fast. Ich traf einen Freund und wir gingen Kaffee trinken. Ich bekam im Buchladen die Adresse des Verlags des schlechten Buches und warf den Brief noch vor der Samstagsleerung in den Kasten. Ich besuchte Bekannte und baute ihnen einen Briefkasten. Ich aß Döner Kebab, schrieb eine Postkarte und fand eine Zinkbadewanne in einem Schrottcontainer, die ich mit nach Hause schleppte. Das würde ein Regal geben, oder einen Lampenschirm oder ein Blumenbeet vor dem Fenster im dritten Stock.
Ich erkundigte mich beiläufig bei allen Leuten, die ich traf, ob sie nicht demnächst irgendwohin fahren würden. Samstagnachmittag bekam ich einen Anruf aus Skopje, ob ich nun käme oder nicht.
"Ich glaube, das ist mir ehrlich zu weit."
"Neiiin!"
"Ich würde morgens um vier Uhr vierundzwanzig ankommen!"
"Na und?"
"Hm."


Ich fing wieder an, die Karte auszupacken. Der Zug würde um Viertel vor acht Uhr abends fahren, es war schon halb sieben, also, dachte ich, heute jedenfalls nicht mehr. Es war schön, dass jemand wollte, dass ich komme. Die Gelegenheit war günstig, aber soweit war ich ja schon mal gewesen.
Ich fuhr mit dem Rad zum neueröffneten Bahnhof Alexanderplatz und erkundigte mich noch einmal nach dem Fahrpreis. Wollte alles nochmal schwarz auf weiß haben oder so. Damit waren die zwei älteren Damen am Schalter fast eine halbe Stunde lang beschäftigt, und am Ende war es viel teurer als das, was ich am Telefon gesagt bekommen hatte. Es war ein bißchen traurig, wie diese Frauen nicht gut mit dem Computer umgehen konnten, es war fast gemein, es ihnen zuzumuten. Diese zwei hätten ganz toll ein Kinderheim versorgt, ich sah es ihnen an, es war eine Unverschämtheit, sie vor einen Computer zu setzen, wo sie dann versuchen mussten, die Grenzbahnhöfe für eine Fahrt nach Skopje herauszufinden. Und dann sollten sie auch noch wissen, wie frau den Preis für "Euro-Domino" aus der Kiste kitzelt. Aber ich konnte doch auch nicht sagen, na gut, dann lassen sie's, weil der Nächste, der kommt, ist ein Prüfbeamter, und wenn der sie nach der billigsten Karte nach Skopje fragt, dann sollten sie das wohl vorher besser schon mal gemacht haben. Die dickere der beiden fragte mich schließlich, warum ich nicht einfach fliegen würde, ginge doch viel schneller: "Haben Sie Angst?"
Mein Mitleid war wie weggeblasen. Fliegen! Wir redeten doch vom Reisen, oder? Fliegen, das hatte ja schon fast was mit Videoschauen zu tun, einsteigen und ankommen, nein, dachte ich, so eine weite Reise muss wehtun!
Durch Tschechien, Slowakei, Ungarn, Jugoslawien, das muss ich spüren und an jeder Grenze den Lauf der Kalaschnikow des Grenzbeamten von meinem Koffer stupsen(Ostblock!), voller Angst, er könnte mein Manuskript konfiszieren, das ich natürlich mitnehmen würde. Ich müsste schon etwas leisten, um hier wegzukommen, sonst wäre das vollkommen sinnlos.


Irgendwie bestärkte das meinen Entschluss. Für einen Moment, jedenfalls. Etwas leisten, um dann befreit aufzuatmen, Ich bin ihr entkommen, dieser Stadt. Als ich wieder Zuhause war, telefonierte ich mit den Expertinnen unter 19419 und ließ mir genau sagen, was für Tickets ich am Schalter zu bestellen hätte . Für welche Länder Euro-Domino, und für welche Länder Twen-Tickets. Zweihundertneunzig Mark noch bis Dienstag: Ab Mittwoch, 1. April, würden die Preise angehoben.
Ich würde am Sonntag Abend nach Skopje fahren. Ich würde meiner Freundin dort ein Massageöl mitbringen und ihr die Anwendung gleich mitschenken. Ich könnte zum Zoo fahren, und im Body-Shop eins kaufen. Mein Zug fuhr ab von Lichtenberg. Während ich neben dem Telefon darauf wartete, dass die Dame am anderen Ende der Leitung nochmal alles zusammenrechnete, fiel mein Blick auf die Ausdrucke, Teile meines Romans, die um mich herum hingen. Ich saß auf dem Platz mit dem Chefsessel, an dem ich für gewöhnlich tippte. Nach dem Telefonat schaffte ich es sogar, knapp fünf Seiten meines Buches durchzulesen, ein wichtiger Anfang, um wieder "hineinzukommen". Zufrieden legte ich mich schlafen.


Ich kam am Sonntag nicht weg, weil herrliches Wetter war und ich mit meinem Mitbewohner herumstreunte. Die Zeit war vorgestellt worden, und ich schaffte es nicht rechtzeitig, mich definitiv dafür zu entscheiden, heute wegzufahren. Ich vermutete auch immer wieder, dass so eine weite Reise gerade das falsche für mich wäre. Ich kannte das ja auch, dann hätte ich meinen Schreibtisch nicht mehr bei mir und nicht die Möglichkeit, Musik zu hören oder den Computer zu benutzen. Ich bekam sogar etwas Angst, ich könnte mich einsam fühlen. Ich schaffte es nichteinmal, zum Bahnhof Zoo zu fahren und Massageöl zu kaufen. Ich las ein winzig kleines Stück aus meinem Buch und griff dann nach der Liste dänischer Bauernhöfe. Ich schrieb ein paar Briefe an Adressen aus der Liste, dann frühstückte ich mit meinem Mitbewohner und wir gingen spazieren. Wir fanden einen Ort, an dem Bekannte in der Sonne lagen, und abends gingen wir Federballspielen in den Park, anstatt zum Bahnhof. Es war schon schön. Aber dieses Wegfahrenwollen, das hörte auch nicht auf. Sonntags dachte ich den ganzen Tag daran, am Montag nochmal auf die Baustelle zu gehen, und den letzten Rest der Sachen wegzuräumen, die noch von meiner Arbeit übriggeblieben waren. Dann könnte ich Montag Abend immer noch wegfahren.


Blöderweise funktionierte das nicht so reibungslos, denn als Montags um sieben der Wecker piepste, da wollte ich viel lieber Zuhause bleiben als zur Arbeit zu gehen. Gar nicht mal schlafen: Ich schaltete den Computer an und machte mir Tee, dann fing ich an zu tippen, nicht für meinen Roman, was anderes, gefiel mir gut, aber so gegen neun, da fiel mein Blick wieder auf diese Busreisenwerbungen, und ich blätterte nochmal die gesamte Reisebeilage der Zeitung vom Kiosk durch, ob da nicht doch was für mich dabei wäre. Das brachte mich komplett aus meiner Geschichte, entnervt verließ ich den Schreibtisch, und dieses Winterschlafsaufwachgefühl, das war immer noch da, nach wie vor, die gleichen Bilder, Eichenwald im Sommer, Bank vor weißer sonniger Wand, irgendwelche Berge. Ich hatte die Idee, jeden Tag eine S-Bahn-Endstation zu erforschen, und für etwa zwei Minuten fand ich das großartig. Dann dachte ich wieder daran, wie Jugoslawien roch, und auf einmal hatte ich große Lust, in dieses geheimnisvolle Mazedonien zu fahren, dreiunddreißig Stunden, HEUTE ABEND! Ich ging einkaufen, Brot fehlte und Milch, vor allem wollte ich nach einem Massageöl kucken im Bioladen. Es gab etwas aus Tahiti, aber völlig fest, in einer Glasflasche. Ich hätte gar nicht gewusst, wie ich das Zeug dort herausbekommen hätte sollen. Außerdem war das Etikett französisch, und da mußte ich immer an Atomtests denken. Ich wollte mehr etwas, das mir zuruft: Kauf mich! Ich bin das beste! Ganz natürlich, Ihr werdet euch mit mir beschmieren und euch lieben wie noch nie! Ich bin ohne Tierversuche und Atomtests gemacht und nachfüllbar. Ich koste angemessen!
Aber es gab nur noch ein anderes Massageöl. Es hieß Blue Wave (sinnlich), beziehungsweise Green Wave (stimulierend). Es war in einer durchsichtigen Plastiktube verpackt und hinten drauf stand so ein Blödsinn, leider, dass mein ganzer Entschluss, nach Mazedonien zu fahren, zu bröckeln begann. Denn das konnte ich nicht kaufen. Und extra noch zum Zoo - oh je.
Ich habe aufgeschrieben, was auf der Tube stand: Green Wave Body Lotion. Das Elementare suchen in der würzigen Stille algengrüner Tiefen. Darf ich Ihnen das mal in die Ohren schreien, bitte?
DAS ELEMENTARE SUCHEN IN DER WÜRZIGEN STILLE ALGENGRÜNER TIEFEN!!
Soviel Blödsinn in einem einzigen Satz. Scheiße, das machte mich traurig. Soviel packe ich nicht in ein ganzes Buch, behaupte ich. Aber eingebildeter Schriftsteller ist eine andere Geschichte. Ich will ja hier nicht langweilen. Ich habe ja mein Problem noch nicht gelöst. Ich weiß noch immer nicht, was ich machen soll.
Wenn ich noch zum Märzpreis nach Skopje fahre, dann will ich schlimmstenfalls zurück. Oder?
Aber... dann WILL ich ja zurück.
Das heißt: Wenn ich DANN zurück fahre - dann habe ich endlich, was ich will. Für zweihundertneunzig Mark. Wau. Was für ein Argument.


Was für ein Argument. Ich packe jetzt den Koffer.



Mein letzter Urlaub Teil Zwei: Zug Zwang


"Niiix Problem Visa", meint er, der Imbisswagenschieber, und winkt ab mit beiden Händen. Der ist nett. Und der Schaffner vom letzten Zug, dem D-Zug METROPOL von Berlin nach Budapest? Den fand ich doch seinerzeit auch noch nett, gestern Abend, als er mir sagte, dass ich eben doch ein Visum brauche für Jugoslawien. Deshalb bin ich in Budapest doch herumgerannt, bei einer Stunde Aufenthalt, habe mir im Tourist-Office ein Kreuz in den Reklamestadtplan machen lassen, dort, wo die jugoslawische Botschaft ist. Bin mit dem zwanziger Bus schwarzgefahren, ganz schön weit, so dass mir ganz mulmig wurde, weil die Zeit verrann bis zur Abfahrt vom Hellas-Express auf Gleis sieben. Als ich die blöde Botschaft endlich gefunden hatte, fand der Beamte hinter dem Pförtnerfenster auch, dass ich ein Visum brauche, und zwar für fünfzehn Mark und zwei Passfotos. Passfotos! Ich schob ihm zwei verkratzte Farbkopien von meinem schönen Kopf unter der Scheibe durch, im Premium-Format, aber die wollte er nicht. Dabei war ich darauf gut getroffen, das war mein Schwiegersohnbild. Keine Zeit, einen Fotoladen zu suchen. Da habe ich mit ihm ausgemacht, zurück zum Bahnhof zu fahren, dort im Automaten Passbilder zu machen und dann an der Grenze ein Visum zu kaufen. Und jetzt meint der Minibarmann, Visa kein Problem. Hm. Na, dann tu ich einfach bis zur Grenze so, als wär's tatsächlich kein Problem. Tu ich mal für ein paar Stunden wie ein echter Reisender. Das war in Budapest natürlich schwierig, mit zu warmer Jacke und zu wenig Zeit in einer fremden Stadt im Bus, und noch dazu den schweren Koffer selbst tragen müssen. Gerade fünf Minuten lang schaffte ich es, mich mondän zu geben, als ich nach der Botschaftseskapade, Gleis sieben im Auge, gemütlich im stehen einen heißen Tee trank, die Daunenjacke quer vor mir auf dem Tisch. Bis ich unmittelbar vor der Abfahrt darauf kam, dass der Zug schon längst dastand, nur eben nicht da, wo ich auf seine Einfahrt wartete. War schnell wieder vorbei mit souverän reisen. Ich hab es grad' noch so geschafft. Komisch, hab' ich mir dann gedacht, dass ich das brauchen soll, um wieder ein paar Monate lang zufrieden Zuhause zu wohnen. Selbstinduzierte Schwierigkeiten im Urlaub, um das Positive des Alltags hervortreten zu lassen. Möglicherweise ist es das, was VER-Reisen bedeutet. Umso strapaziöser, desto wirksamer. Insofern wäre fliegen nicht nur witz-, sondern auch sinn-los. REISEN wäre dagegen, wirklich unterwegs sein zu wollen - und es zu genießen.


Ich fahre jetzt durchs südliche Ungarn. Es schaut genauso aus wie in der Altmark, Sachsen-Anhalt. Budapest und Ungarn haben natürlich schon etwas osteuropäisches, Asbestwellpappe und rostige Straßenlaternen, aber das finde ich nicht mehr so bemerkenswert. Erstens kenne ich das schon, und zweitens ist das echt nur so eine Oberflächlichkeit. Wenn irgendwann mal eine ganz andere Landschaft käme, oder ganz andere Leute, dann würde ich aufmerken. Ein anderer Geruch. Bisher habe ich den noch nicht gerochen. Ich hoffe doch, dass in Jugoslawien irgendwann mal kahle Felsen kommen werden, die dann auch dementsprechend riechen.
Bevor ich in Budapest umsteigen mußte und beinahe den Zug nach Mazedonien verpasst habe, sind wir eine Zeitlang an der Donau entlanggefahren. Die junge Ungarin, die mit ihrem Freund aus Sachsen bei mir im Abteil saß, erklärte ihm ihr Land: "...Und hier haben wir die... in der Schlacht geschlagen...", "...Das haben wir wiedergekriegt, als...", "...Das wurde uns weggenommen, weil...". Sie muss bei den wichtigsten ungarischen Schlachten dabei gewesen sein. Dabei sah sie so jung aus. Der Sachse war ebenfalls sehr kompetent. Ich wünsche mir häufig, dass ich die Begeisterung solcher Menschen für sich selbst teilen könnte. Er war Anfang zwanzig und studierte Informatik. Er hatte die Ungarin kennen gelernt, als er ihre Schule als Gastschüler besuchte. Er war Astronomie- und Modelleisenbahnfan, war schon zu Brieffreunden in Usa und Norwegen gereist und hat vor dem Studium einen Mustang gefahren. Das war einfach "der Hit" damals. Ich war ganz still, um ihn nicht zu weiterem Reden zu provozieren. Die Frau fand ich viel lustiger. Ich habe sie ein bißchen aufgezogen wegen ihrem Patriotismus, ganz wenig bloß, so, dass wir beide darüber lachen konnten und sie noch nichtmal wusste, warum eigentlich. Ich habe den beiden Kaffee besorgt vom Schlafwagen nebenan, als ich mir einen Tee holen wollte. Tee war keiner da - Gott sei Dank, denn das wäre ein elendes Pulvergesöff gewesen. Den Kaffee hat er schon so gemacht: Zwei Süßstoff, ein Löffel Weißpulver, ein Löffel Kaffee löslich, warm Wasser drauf, Plastikstäbchen, fertig. Ich hab das rübergetragen in unser Abteil und wollte kein Geld dafür nehmen, der Sachse hat gesagt, "Hm, guter Kaffee!".
Später, als sie etwas halbherzig umschlungen am Fenster standen und sich gegenseitig erklärten, was sie sahen, da hab ich mein Geld gezählt und kam auf knapp 46 Mark. Das war gerade, nachdem mir der Schlafwagenschaffner, der König des Pulverkaffees in diesem Zug, erzählt hatte, dass ich für Jugoslawien ein Visum brauche. Wenn das jetzt unverschämterweise genau fünfzig Mark kosten würde, grübelte ich, dann wäre ich echt gearscht, vier Mark für Kaffee spendiert zu haben. Dieser Gedanke fesselte mich, ich hatte ja zu dem Zeitpunkt noch nicht erfahren, dass ein Visum bloß fünfzehn Mark kostete. Schließlich bat ich den Sachsen, mir doch noch die vier Mark wiederzugeben, die ich ihm ausgelegt hatte, ganz schön blöd, aber echt. Vor allem - jetzt wollte er mir unbedingt zehn Mark geben, das war wirklich peinlich, er wollte meine sechs Mark Wechselgeld auf seinen Schein einfach nicht annehmen. Ich hab die Münzen dann für ihn auf dem Sitz liegen lassen, als ich ausstieg. Würde nur klimpern in Mazedonien.
Über Bargeld habe ich mir nicht allzu viele Gedanken gemacht für diese Verreise, das stimmt schon. Ich habe Plastikkarten, aber mir ist aufgefallen, dass ich die Geheimnummern gar nicht mehr zusammenkriege. Noch habe ich was zu essen, von den Passbildern, die ich am Bahnhof Budapest von mir machen lassen habe, ist was Geld übrig geblieben, und das habe ich dann in sehr preiswerte Brötchen und Nusshörnchen umgesetzt. Angenehm für einen wie mich, kann er sich in Ungarn viele Backwaren kaufen, sich doch wenigstens ein bißchen wie ein betuchter Reisender fühlen - auch wenn er in Deutschland nur eine kleine Wanze ist, die sich im DB-Bahnhofsbistro gar nix leisten kann. Ein echter Reisender -das bin ich ja streng genommen jetzt sowieso nicht, schon aufgrund meiner fragwürdigen Motivation- der kann sich nämlich jederzeit Kaffee oder einen Imbiss leisten. Reisende waren gutgekleidete Leute zu Anfang des Jahrhunderts, für die Geld keine Rolle spielte und noch weniger die Menge des Gepäcks. Dreizehn Schrankkoffer und für die Dame doppelt so viele, plus die Runden für die Hüte. Der Himmel über der Wüste... Großartig. Das werde ich nie erleben, ein bißchen traurig ist das schon, obwohl ich es natürlich auch vernünftig finde, dass Europa keine Kolonien mehr hat. Wenigstens reise ich mit Koffer und nicht mit Rucksack. Da passt viel mehr rein, weil man ja fast nur eckige Sachen hat, und Züge sind auch einfach eher für Koffer ausgerichtet. Leider ist mein Koffer schwer und ich kann ihn nicht weit tragen. Habe ich ja aber auch nicht vor. Wenn kein Visum dazwischenkommt, bleibe ich einfach hier sitzen, zwischen lauter ältlichen Damen in einem nicht zu vollen Zug. Ich muss ja auch nicht öfters umsteigen als von Berlin nach Salzwedel.


In Ungarn ist es ziemlich eindeutig noch nicht Frühling. Draußen ist alles khakifarben und sandig, ein paar Leute schaufeln an ihren Feldern herum. Vielleicht Weinreben. Weiter weg vom Bahngleis sehe ich Wald, Birken kann ich am weißen Stamm identifizieren. Jetzt wieder Wein. Oder vielleicht Bohnen. Ein Dorf mit MAZDA-Laden, niedrige Häuser mit ordentlich ziegelgedeckten Dächern. Das ist noch ein Unterschied zu Sachsen-Anhalt, da ist die Hälfte der Dächer eingefallen oder eben aus Asbest. Oder ganz neu und hässlich.
Zwei Kinder habe ich gesehen und einen roten Traktor, und die Frau neben mir macht ein Preisausschreiben, bei dem sie 112.500 Forint gewinnen kann. Ganz schön viel. Jetzt packen meine Nachbarinnen ihre Sachen zusammen und wischen sich die Fussel von den Mänteln. Ich habe noch nichtmal eine Uhr, um herauszufinden, wie nah ich schon an Jugoslawien bin.


Saugroß, dieses Europe, denke ich jedes Mal, wenn ich auf meine Karte kucke. Kurz nach Novi Sad kamen plötzlich Hügel und ein riesiger Fluss. Im Abteil mit mir sitzen jetzt Männer mit dicken Schenkeln und dunklen Bartstoppeln. Die unterhalten sich, und ich versteh' natürlich kein Wort. Ich bin jetzt wirklich in einem ganz anderen Land. Aber total weit weg vom Meer und FKK-Campingplätzen, auf denen ich mich früher vor Quallen gefürchtet habe. Wenn ich noch nach Ljubljana will, müsste ich auf der Rückfahrt in Belgrad abbiegen und nach Zagreb fahren. Die Europa-Karte ist unendlich faszinierend. Wo ich noch überall hinfahren könnte... Wenn ich noch Geld auftreiben kann - ach ja, das Visum! In Subotica, an der Grenze zu Jugoslawien, da war das schon ganz schön knapp. Ich dachte ja nach Budapest und der Episode bei der Jugo-Botschaft noch, dass ein Visum fünfzehn Mark kostet. Deshalb habe ich meine fünfzig Mark, die ich so gewissenhaft beieinandergehalten habe, ja auch für die Passfotos und Nusshörnchen angebrochen. Danach waren noch etwa vierzig übrig, noch knapp vierzig. Im Zug von Budapest weg wollte die Schaffnerin dann zehn Mark Sitzplatzgebühr. Ich habe mich lange doof gestellt, aber sie ging nicht weg, und dann habe ich eben bezahlt. Es war einfach zu klar, was sie wollte, selbst für Doofe, die älteren Damen im Abteil hatten auch alle so einen Zuschlagschein, ich habe das Doofstellen nicht durchgehalten, als sie alle auf mich einredeten. An der Grenze dann, mußte ich mit einem Soldaten raus aus dem Zug, und an einem wackeligen Wohnwagen, in dem ein grinsender Alter saß, ein Visum kaufen. Der rechnete großartig herum, und bei ihm kostete der Stempel dann dreißig Mark. Gültig für einen einzigen Tag, wohlgemerkt. Jetzt mußte ich kucken, was ich wirklich hatte: Das waren 29.28 Mark. Aber auch bloß, weil ich den Sachsen und die kämpferische Ungarin nicht zum Kaffee eingeladen hatte.
Gerade mal so haben sie sich damit zufriedengegeben. Grimmig geschaut und mit den Armen gefuchtelt und so. Die 28 Pfennig haben sie nicht genommen. Ich glaube, Polizisten und Militärs sind so ziemlich dasselbe in diesen südlichen Ländern, und Fremden dürfen sie anknöpfen, wozu sie gerade Lust haben. Eigentlich sehen sie alle aus wie von der Marine. Mit dem Stempel im Pass durfte ich wieder in den Zug, mein Koffer war mir auch nicht geklaut worden währenddessen. Irgendwann fuhren wir weiter. Ich aß eins meiner Brote aus der Heimat, und später die zweite Nussecke aus Tagen, an denen ich ein betuchter Reisender war. Ich leerte die erste Flasche Wasser. Es kam kein Imbisswagen mehr vorbei, aber ich hatte eh kein Geld mehr. Kaffee wäre schön gewesen, zum Nusshörnchen, gerade wo es draußen doch schon wieder so langweilig flach war, bis Novi Sad. Bloß ein Strich in der Ferne. Durch den Gedanken an Kaffee bekam ich plötzlich große Lust auf Skopje, eine Gnade in meiner Gemütslage, endlich etwas zu wollen und dann noch auf dem Weg dazu sein, es zu bekommen. Dort würde ich morgens aufwachen, und würde zu essen und zu trinken haben, Kaffee, Tee, plötzlich freute ich mich darauf, meine Freundin in den Armen zu halten und sie mit Massageöl einzuschmieren. Nachdem ich mich nämlich am Montag endlich für Mazedonien entschieden hatte, war ich durch den Tiergarten zum Zoo geradelt und habe dort was ganz Feines gekauft. Können wir auch ins Badewasser tun. Ich bin leider nicht verliebt, aber ich mag sie gerne und finde sie schön. Die ausländischen Männer in meinem Abteil machen mir dagegen eher etwas Angst. Bei denen komme ich nicht auf Massageöl. Ich meine, damit will ich wohl rechtfertigen, dass ich so oft an Frauen und an diese-berühren denke. Die Männer hier, die machen mich einfach nicht an.
Ach, vergessen Sie's.
33 Stunden Zug.


Kaffee und Tee, und dann mal in die Luft schnuppern. Hoffentlich wird das gemütlich, bei so einem weiten Weg... Fast bin ich dann schon in Griechenland oder in der Türkei; an Rumänien fahre ich gerade vorbei, und wie oft wollte ich dort schon hin? Da soll Skopje schon Endstation sein? Vielleicht sollte ich weiter, per Anhalter an die Ägäis. Und dann mit der Fähre zurück, nach Triest. Auf meiner Europa-Karte geht das, und von dort könnte ich über Ljubljana und Österreich-Klagenfurt wieder nach Norden. Und sagen: "Was für eine Reise!". Dabei wäre ich bloß gesessen, und anstelle die Männer in meinem Abteil nach ihren Kindheitserlebnissen zu fragen und Geschichten zu sammeln, hätte ich meine Pfennige gezählt und an das letzte Nußhörnchen zurückgedacht. Aber wie sollte ich mich auch unterhalten? Ich verstehe ja diese Sprache überhaupt nicht. Wie soll man die Welt bloß kennen lernen? Schon allein, weil sie so groß ist, und man immer nur auf fünf Meter breiten Korridoren durch die Länder fährt, auf der Straße oder mit dem Zug. Wenn ich wüßte, wie die Welt aussieht, wüßte ich auch besser, wohin ich reisen will. Flache Länder oder Gegenden ohne Wald würde ich komplett vermeiden. Außer, wenn nette Leute da wohnen oder es Badestellen gibt. Ich wünsche mir schon lange eine Weltkarte, die ich antippe, und dann zeigt sie mir Fotos von der Landschaft an dieser Stelle. Vielleicht findet das jemand lustig, dass sich im Zeitalter von Multimedia tatsächlich jemand etwas wünscht, was es noch nicht gibt, anstatt dass er überzeugt werden muß, sich etwas zu kaufen, was er gar nicht will. Aber bitte, der Wunsch steht, ich würde für diese CD-ROM, sagen wir, hundertfünfzig Mark bezahlen.
Für den Anfang ziehe ich in Erwägung, mir eine topographische Europakarte zu besorgen.


Mitten in der Nacht.
Möglicherweise schon in Mazedonien.
Ich bin jetzt praktisch allein im Zug. In meinem Abteil riecht es nach Zwiebeln, die der Alte am Fenster bei Leskovac gegessen hat. Ohne alles, nur ganze Zwiebeln. Er saß lange hier bei mir, aber an der letzten Station ist er ausgestiegen. Vorher hatte ich immer wieder vergeblich versucht, aus ihm rauszulocken, wohin er fährt.
Es hat gar nicht gut gerochen, als wir gehalten haben und er ausgestiegen ist. Ich meine draußen, an die Zwiebeln hatte ich mich gewöhnt. Ob sich hier der Balkan mit dem Mittelmeer zu einem unangenehmen Geruchsmix vermischt? Hier in Mazedonien? Ich habe es mir ja noch einmal auf der Karte angekuckt. Es ist wirklich ganz nah am griechischen Mittelmeer, und auch an Istanbul. Ich könnte Busreisen unternehmen, von Skopje aus. Manchmal wartet hinter der nächsten Ecke schon eine ganz andere Welt und ein neuer Geruch. Schade, dass ich mich mit Geschichte und mit Politik nicht auskenne, mit Landeskunde und Geologie auch nicht, sonst könnte ich an dieser Stelle wertvolle Informationen weitergeben. Auf zerklüftete Felsen warte ich ja selber noch. Wenn zerklüftete Felsen kommen oder ich sie rieche, dann sag ich Bescheid.
Es kommen schon wieder diese Polizisten in blau. Wollen schon wieder Passport sehen. Diesmal mit Formular zum ausfüllen. Nicht, dass ich jetzt noch verschleppt werde, so kurz vor dem Ziel! Ich habe so gute Erfahrungen gemacht in diesem Zug. Die beiden braungebrannten mit den etwas schmutzigen Klamotten... "verschlagen" fällt mir ein, dabei waren es ganz schöne Männer. Ich habe meine Marzipaneier trotzdem nur zum größten Teil mit ihnen und dem zwiebeligen Alten geteilt, weil ich ein guter Mensch bin. Zum kleinen Teil auch deshalb, um Freundschaft mit ihnen zu schließen, damit sie mich nicht ausrauben. Zu der Zeit saß noch ein schlafendes, verschrumpeltes Weib bei uns im Abteil. Die hatte sich verzogen, bevor der Schaffner kam, aber ihre drei großen, leeren Weidenkörbe über mir auf der Gepäckablage liegen gelassen. Fiel dem Schaffner nicht auf. Ein komischer Deutscher, hat er sich vielleicht gedacht, reist mit Weidekörben.
Ich habe inzwischen nichts mehr zu essen und zu trinken. Aber es hat gerade gereicht, bald werde ich ja hoffentlich unter Aufatmen umarmt. Ich hatte noch ein Vollkornbrot mit schwedischem Butterkäse mehr, aber das mußte ich noch in Berlin abgeben: "Haben Sie ein paar Groschen oder etwas zu essen?" hat mich einer in der U-Bahn gefragt. Und ich wollte nicht lügen.


Jetzt habe ich den mazedonischen Stempel im Pass. Vor fünf Jahren wurde der Pass ausgestellt, und bis jetzt war kein einziger Stempel drin. Was soll ich bloß meinen Kindern erzählen, was ich erlebt habe in meiner Jugend. "Wisst Ihr, da war Europäische Union, und alle Grenzen waren auf!" "Bäh, langweilig, wir wollen mal wieder zu Opa, dass der uns Reisegeschichten erzählt!". Oder zu Oma. Die haben volle Pässe. Sind viel rumgekommen. Hm. Aber hier waren sie auch nicht. Meine Eltern haben sich in der Jugendherberge von Rom kennen gelernt, weil meine Mutter total heiß aufs Zugfahren war. Und weil mein Vater total heiß aufs Autofahren war, könnte man sagen. Sie wollte so lang wie möglich zugfahren, ohne umsteigen zu müssen. Und von Berlin war das der Zug nach Rom, der fuhr vierundzwanzig Stunden oder so. Und Vater war von Bayern aus über Spanien nach Afrika gefahren, mit einer Ente. Durch die Sahara ist er mit seinem Freund, und über Italien wieder nach Norden. Und wo trifft sich fröhlich reisendes junges Volk, seit eh und je? Natürlich, in der Jugendherberge. Da hat er sie dann angesprochen, "Na Frollein, gutes Buch?"
Da sehn sie mal, wofür Bücher gut sein können. Selbst wenn sie einem nicht gefallen, dann kann man immer noch darüber reden - und beispielsweise, statt weiterzulesen, nach Kanada auswandern, dort Geld verdienen, und zwei Jahre später unbeschwert die Welt bereisen. Das haben die gemacht, sagen sie, und zeigen mir Fotos. Eigentlich ist das deprimierend. Bringt mich irgendwie in Zug-Zwang.
Dieser Zug führt übrigens ungarische Waggons. Grüne Kunstledersitze, schöne Farbe, aber keine Notsitze im Gang wie in den praktischen alten Waggons in Deutschland. Eine kleine Karte der "Eisenbahnlinien von Ungarn" klebt zwischen den Fenstern, mit bunt gemalten Bildchen von den Sehenswürdigkeiten. Über den Sitzen hängen Schwarzweißfotos und der Boden ist voller Zwiebelschalen.


Mein letzter Urlaub Teil Drei: Ver Reist


Ich habe ja nichts mehr aufgeschrieben, seitdem ich in Skopje bin. Es gefällt mir hier nicht besonders gut und ich will wieder zurück nach Berlin. Damit ist der Zweck der Verreise eigentlich erfüllt und die Geschichte zu Ende. Ich will aber noch vermerken, was mir zu der Busreise einfällt, von der ich gerade zurückgekehrt bin, weil ich nämlich nicht vorhabe, jemals wieder eine solche zu unternehmen, und mir die jetzt noch frisch in der Erinnerung hängenden Erlebnisse mitunter eines Tages etwas wert sind. Soviel vorneweg: Als wir am Ende der dreieinhalbstündigen Rückfahrt Skopje bereits wieder erreicht hatten, habe ich mich nur beinahe mit dem Fahrer herumprügeln müssen. Vielleicht war es das Abebben meines Adrenalinspiegels, der während der Passfahrten deutlich über den dunkelroten Bereich angestiegen war, das mich im letzten Moment lähmend zurückhielt, aufzuspringen und brüllend das Radio zu zertreten, aus dem andauernd dieser... LÄRM! strömte. Diese "Musik". Eine Kombination der nervtötendsten Instrumente, die der Balkan überhaupt kennt -und das sind beileibe nicht wenige-, eingestimmt auf exakt die Frequenz, auf der meine Widerstandskräfte am geringsten sind, SÄGT mit perfide berechneter Gleichmäßigkeit Stück für Stück meine Nervenenden kaputt. Kennen Sie Bayern eins? Ähnlich.
Unmenschlich.
Wimmern, Winseln, Jammern, am Rockzipfel hängen, in einer Lautstärke, die kein Entkommen duldet. Und das nach dieser Passfahrt! Die Berge hoch! Die Kurven eng! Der Geschwindigkeitsunterschied zwischen Vollgas-Bus und vollbeladenem Eselsfuhrwerk enorm! Die Nächte dunkel, die Esel unbeleuchtet. NA UND? Ein Bus muß rollen, in Kurven kreischen und knirschen, ein Bus muß überholen, alles, was in die selbe Richtung fährt. Das ist eine Glücksfrage vor den Kurven, sonst gar nichts, aber die Dummen haben Glück und dieser Busfahrer ist ein VOLLIDIOT! Als Filmszene ausgedacht und in einem Drehbuch beschrieben: Kein Stuntteam würde hinkriegen, was ich heute erlebt habe. Kein Stuntman würde sich in diesen Linienbus setzen, wenn er wüßte, auf was er sich einlässt. Kameras müssten ferngesteuert hier installiert werden, keine Filmversicherung würde zulassen, dass so eine Fahrt von einem bei ihr Versicherten begleitet wird. Befreiendes Erlebnis? Vergessen Sie's. Befreiend höchstens die Erfahrung, mit dem Leben abgeschlossen zu haben und dann doch noch eine Chance zu bekommen. Morgen fahre ich nach Deutschland zurück. In meine Wohnung mit Fenster zum Hinterhof, ich werde Rohkost essen und Fahrrad fahren, ich werde Bücher über das Reisen lesen; Reiseführer sammeln anstatt mich verreis(s)en zu lassen
Es ist auch viel zu laut hier. Samstag Nacht, die Fenster meiner Freundin haben einfache Verglasung und schließen schlecht, und die jungen Mazedonier feiern ihre südländische Fröhlichkeit genau unter diese Wohnung. Das kommt mir alles sehr entgegen, denn jetzt freue ich mich wirklich wieder auf mein Zuhause.
Skopje an sich ist allerdings nicht reizlos. Amüsant finde ich bis zu einem gewissen Grad die Architektur: Beton. Das gefällt mir schon am Alexanderplatz: Wenn wir dreieckige Schalen und runde Röhren aus der Hauswand ragen lassen würden, ob das aussieht...? Oh - leider nein. Aber toll, dass es hält!


Es gibt einen kleinen Hügel mit älteren Häusern, die nicht im Erdbeben von 1963 zusammengefallen sind und durch Beton ersetzt wurden. Dort verkaufen Türken Börek und Tee, aber meine Begleitung erklärte mir, dass Fremde dort nicht erwünscht seien. Sie gibt sich auch Mühe, muß ich sagen, mir den Spaß an den Zigeunern und Albanern zu nehmen. Erstere leben bunt zusammen in kleinen Hütten auf einem anderen Hügel als die Türken. Ich freue mich, wenn sie mich anlächeln und nicht nur stolz ignorieren, aber meine Freundin redet nur von dem Zigeuner-"Problem". Albaner hört sich für mich erst mal spannend an, aber über die weitgehend unbekannten Zustände dort drüben hinter den schneebedeckten Gipfeln erzählen die jungen Mazedonier nicht nur Schauermärchen, sondern zeigen offen ihren Ärger gegen die politischen Unternehmungen der in Mazedonien lebenden Albaner. Ohne allerdings selbst politisch aktiv zu werden - zum Teil, ohne selbst auch nur wählen zu gehen. Okay, ich bin doof und ergreife immer Partei für den, der die zerrisseneren Klamotten anhat, des weiteren bin ich spießig und verklemmt und zum Reisen völlig ungeeignet - aber ich kann mir so was doch nicht einfach so anhören!? Die Mazedonier, die mir von den Albanern vorschimpfen, tragen Markenklamotten und sind mit hohen Regierungsangehörigen befreundet - das funktioniert nicht, dass ich jetzt einfach mit ihnen über die Albaner schimpfe. Ich bin in meiner Weltanschauung immer noch dabei, auf Markenklamotten zu schimpfen.


Bin ich also nicht ganz glücklich über meine Anlaufstelle hier. Sie ist auch so jung. Und manchmal so desinteressiert an ihrem Land. Das macht mir gar keinen Spaß. Wenn ich Deutschland irgendwie besser und netter machen könnte, würde ich das wenigstens versuchen. Höhö.
Ich habe eben keine weißgekalkte Wand, die von der Sonne beschienen wird und duftet. Das mit dem Landhaus ist enttäuschend. Wir waren auf dem Land, für eine Nacht, und am Freitag Morgen saß ich dann tatsächlich auf einer sonnenüberfluteten Terrasse. Auf einmal bekam ich eine Ahnung, dass es möglich sein könnte, auf dieser Terrasse zu sitzen und zu... schreiben!
Aber dann stellte sich heraus, dass Mutter wochenendes immer in das Landhaus fährt und bereits unterwegs war. Ich hatte gerade gedacht, wir hätten sie abgehängt, als wir aus der Stadt wegfuhren, aber sie schien uns zu verfolgen. Schon in Skopje hatte sie mich betuddelt, und so was konnte ich also nun überhaupt nicht ab. Mit der Mutter im Anflug war das Landleben gelaufen, ich brauchte meine Ruhe, schlimm genug, dass meine Bekannte nicht einem eigenen Leben nachging, sondern meinem. Ein Tiefpunkt der Donnerstag Abend:


Gottistdasschrecklichzuzweitzusein.
Ich liege auf diesem Sofa, das ist eh schon hart an der Grenze der Erträglichkeit, dieser selten-benutzt-Ferienhausgeruch, dieser elektrofönmäßige Heizlüfter, ich liege da und denke beziehungsweise ärgere mich, dass ich keine Gefühle aufbringe für dieses Land und diese Frau und mein ganzes momentanes Leben hier, eingezwängt zwischen zweiundzwanzigjährige Partygänger und ihre Eltern, denen es wichtig ist, dass das Bett jeden Tag gemacht wird, aber die sich nicht schuldig bekennen, eine Wohnung mit dunkelbraunen Spanplattenmöbeln zu entstellen. Da liege ich, und eigentlich ärgere ich mich, dass ich nicht schreiben kann, was ja das Blödste überhaupt ist, und mich zum größten Idioten von allen abstempelt, da liege ich und weiß nicht was, als die Frau anfängt, irgendwelches Essgeschirr abzuräumen und das Sofa zu verbreitern, also, um sich dazuzulegen. Und dann will sie auch noch wissen, ob das okay ist, he Frau, als ob ich nicht grad andere Sorgen habe. Und ich hab Massageöl gekauft, Gottistdasschrecklich.


Ich habe eine ganze Menge gesehen und gerochen, und darüber würde ich gerne ein paar Seiten schreiben, aber was fehlt, ist ein großes Gefühl, das mir die Finger bewegt. Es ist warm hier, und ich habe ja auch eine Terrasse gefunden, aber es ist nicht so, wie es in meinem Kopf war, als ich noch Zuhause saß und weg wollte. Ich bin interessiert, aber mit der Zeit gähne ich trotzdem. Ich finde den Beton lustig, aber ich fange deswegen nicht an, lauthals zu lachen. Meistens fühle ich mich ja noch nichtmal wohl. Ganz nett ist es vielleicht schon gewesen, das Hirn hab ich gelüftet, indem ich an alle Ecken und in alle Kanten gegrübelt habe, über Reisen, Schreiben, Leben; Film, Arbeit, Wohnen undsoweiter. Aber alles in allem ist dann doch das Gefühl obendrauf, dass ich das nicht gut hinkriege, Urlaub und Verreisen, dass es wirklich wehtut, so, wie ich es schon mal geschrieben habe - mehr, weil es sich gut anhörte, als weil ich Lust auf Schmerz hatte. Ich will hier wieder weg, und wenn mich jemand fragt, wie's war, dann muß ich irgendwie ausweichen: Der Bruch mit dem Alltag war gut! Lustige Sache! Große Berge mit Sonne drauf!


Hat seinen Zweck erfüllt. Ich wollte ja VER-reisen. Bin ich!


Mein letzter Urlaub Teil Vier: Wieder Froh


Es gibt so-viel-Glück.
Das Buch, das ich lese, ist toll. Es macht, dass ich mich freue. Das ich an bunte, neue und alte Sachen denke.
Mein Fenster ist toll. Groß und frisch und grün und hell.
Mein Schreibtischsessel ist toll. Breit und weich, und wohlwollend kippt er nach hinten, wenn ich mich zurücklehne.
Ich freue mich, dass ich selbst so gut schreibe. Und heute Abend gehe ich ins Theater.
Es ist einfach toll hier.